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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Eugenischer „Kristallpalast”

Wir, Menschen des 21. Jh., haben immer noch ein ernstes Problem mit der Eugenik. Der 2. Weltkrieg und der Völkermord unter dem Motto des schwarzen und roten Totalitarismus haben zwar die Bezeichnung selbst wirksam kompromittiert, und zwar dermaßen wirksam kompromittiert, dass auch ernste meinungsbildende Wochenzeitungen sehr selten und nur ungern über die Eugenik schreiben, aber diese mediale Stille bedeutet nicht, dass die Eugenik, verstanden als ein intellektuelles, die wissenschaftlichen Argumente (wirtschaftlicher, biologischer und genetischer  Natur) mit dem Traum von einem besseren, vervollkommneten Menschen verbindendes Verhaltensmuster, gestorben ist.

Wenn ich das immer noch aktuelle Problem mit der Eugenik anspreche, meine ich nicht nur meine Landsleute, Polen, aber vor allem sie. Denn das Thema „Eugenik“ löst in Polen keine, weder positive noch negative Reaktionen, aus.  Diejenigen, die besser ausgebildet sind, assoziieren Eugenik mit der Verfilmung der „Dune“ (dt. „Der Wüstenplanet“) von Frank Herbert. Sie bringen also die Idee von Zucht eines besseren, vervollkommneten Menschen mit der Welt der Filmfiktion und der literarischen Fantasie, also mit allem Abstrakten, bloß nicht mit dem realen Hier-und-Jetzt  in Verbindung. Nur manchmal, bei einer allgemein präsenten Trägheit der Öffentlichkeit, macht ein sensibler Beobachter darauf aufmerksam, dass die beispielsweise von einem  Präsidentenkandidaten vertretene Meinung darüber, dass es sich nicht lohnt, öffentliche Mittel in unheilbar Kranke, statt in gesunde und junge Leute zu investieren, einfach nicht angebracht ist.

Es handelt sich  hier nicht um einen Misston im Rahmen der ästhetisch verstandenen politischen Korrektheit. So versuchten nämlich die Parteichefs ihren Präsidentschaftskandidaten zu verteidigen und dessen eugenische Aussage zu bagatellisieren. Der Kandidat selbst verteidigte sich nur schwach und begriff nicht, worum es den Kritikern eigentlich ging. In der Zeit der globalen Krise und Schrumpfung aller Ressourcen, von Wasser- und Energieressourcen bis hin zu Steuerquellen, in diesen schwierigen Zeiten, entstehe ja offensichtlich die Notwendigkeit einer ständigen Wahl: wem soll man geben, wem muss man nehmen? Diese Wahl ergibt sich immer aus einem politischen Impuls, denn sie ist eine Form der Erfüllung von Wahlversprechen. Hinter dieser Form hat sich allerdings eine Einstellung tief versteckt, die von den einen „Volksweisheit“ von den anderen „gesunder Menschenverstand“ oder „Lebenspragmatismus“ und nur von einigen wenigen „politischer Zynismus“ genannt wird.

Es hat sich herausgestellt, dass sich dieses Prinzip in unserer politischen Kultur tief verwurzelt hat. Und zwar so tief, dass es „gemeinsames Eigentum“ aller auf unserem Kontinent entwickelten Ideenströmungen, von der Rechten, über die christliche und laizistische Mitte, bis hin zur Linken und dem antiklerikalen Kommunismus. Die Ideenhistoriker finden mühelos eugenische Postulate in all diesen  „Ismen“. Denn sie alle berufen sich für die Erhöhung ihrer Glaubhaftigkeit auf die rationalen Prinzipien der Organisation und des Managements, die Aussage der durch die allgegenwärtige Statistik generierten Zahlen, die Bilanz der Kosten von Rentensystemen und des öffentlichen Gesundheitswesens, die Entdeckungen der Soziologie, Biologie und Genetik.

Dieses Jonglieren mit zwangsläufig technokratischen Argumenten geht zweifellos mit einer gewissen Fachkompetenz einher. Ohne die professionelle Dimension der Politik und der Politiker zu hinterfragen sei allerdings darauf hingewiesen, wie verblüffend der Mangel an einer gewissen direkten Verbindung oder einem gemeinsamen „Nervensystem“ zwischen der technokratischen Politik und dessen axiologischem Unterbau ist. Es ist so, als ob unsere Kultur auf vielen Klavieren gleichzeitig spielen würde, d.h. an Feiertagen ganz edel und gehoben und an Werktagen fachmännisch perfektionistisch, aber egoistisch, ohne jegliche Empathie.
Der Verfasser dieser Worte ist sich der Falle der sentimentalen Fadheit, in die man geraten kann, wenn man über die eugenische Neigung der europäischen Kultur und Zivilisation schreibt, bewusst. Glücklicherweise kann er jedoch einen zur Hilfe rufen, den man der kitschigen Rührseligkeit eher nicht verdächtigen würde. Peter Sloterdijk, ein berühmter deutscher Philosoph, Autor des bereits bekannt gewordenen Begriffes „Kristallpalast“, hat wohl am treffendsten die Natur des gegenwärtigen eugenischen „Stichs“, der vor unseren Augen ganz diskret den Akzent von der „Zucht des vollkommenen Menschen“ auf die „Zucht des glücklichen Menschen“ verschoben hat.

Peter Sloterdijk vergleicht schon seit langem Europa mit dem Treibhaus, in dem ein weiser Gärtner eine fürs Leben angenehme Temperatur, konstante Luftfeuchtigkeit, Düngung, Jäten und alle anderen Pflegearbeiten sichert, damit die Pflanzen ohne wirklich bedeutende Schwierigkeiten und ohne Stress wachsen und gedeihen können. Sloterdijk unterstreicht seit langem den eugenischen Charakter der Bemühungen, die für den Erhalt des Lebenskomforts in der alten Europäischen Union unternommen werden. Nur der Höflichkeit halber erwähnt er in diesem Zusammenhang die sogenannten neuen Länder der EU, darunter Polen, nicht.

Sowohl hier als auch da müssen jedoch gleich bedeutsame Entscheidungen getroffen werden: Wem soll man mehr, wem weniger geben und wem muss man nehmen und ihn als statistisch entbehrlich zum Schicksal der Indianer in Reservaten verurteilen. Ein Beispiel dafür kann die Entscheidung der polnischen Regierung über die Liquidation der staatlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften (poln. PGR) sein, eine Entscheidung, die bewusst Zehntausende von Menschen zur traurigen und sinnlosen Existenz in den LPG-eigenen  Ghetto-Wohnblocks verurteilt. Möglicher Einwand gegen dieses Beispiel ist, es sei extrem und dadurch ein Ausnahmefall. Ist es wirklich einmalig? Ist die Verfahrensweise des Nationalen Gesundheitsfonds, nach der pedantisch festgelegt wird, wem die Gesundheitsvorsorge zusteht und wem sie aufgrund des fortgeschrittenen Alters eben nicht mehr zusteht, ein Ausnahmefall oder gelten sie allgemein? Hat diese Verfahrensweise einen aus- oder einschließenden Charakter? Und das Steuerrecht, das für die einen eine unerträgliche Belastung darstellt und für die anderen sehr nachsichtig ist? Und das System des Lebensmittelvertriebs: für die einen Abfallfraß aus den Supermärkten, für die anderen Öko-Delikatessen aus dem Bioanbau? Und das Bildungswesen, und das System des öffentlichen Nahpersonenverkehrs? Diese Beispiele könnte man ohne Ende nennen.
Vielleicht ist die europäische Politik immer schon auf den eugenischen Stich angewiesen. Vielleicht werden wir uns einfach nie etwas Besseres oder Sinnvolleres ausdenken. Vielleicht, aber es ist schon wichtig, sich dessen bewusst zu sein, damit man nicht die nächste gedankenlose Pflanze im Topf des Kristallpalastes ist.

Piotr Maksymczak
Übersetzung: Jerzy Bielerzewski 

PS. Ein wenig bekannter, nicht mehr lebender polnischer Schriftsteller, Bogdan Rutha, hat darüber ein ausgezeichnetes Buch unter dem Titel „Szczurzy pałac“ („Rattenpalast“) geschrieben, das immer noch in den Bibliotheken ausgeliehen werden kann. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen.