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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Korporationen gehen auf Krieg

Nach der Lektüre des Buches von Jonathan Littell wird man hoffnungslos. In „Den Wohlgesinnten“ gibt es nämlich keine strenge Einteilung in Gute und Böse. Es wird dort auch wenig moralisiert. Der Verfasser macht es dem Leser nicht leicht, ganz im Gegenteil, er macht es ihm schwerer, indem er unser „europäisches“ Wertesystem verhöhnt. Außerdem ist die Fabel des Romans mit einer spezifischen Art menschlicher Körperflüssigkeit erfüllt. Jonathan Littell vertieft sich in deren Details und schafft damit einen ausgezeichneten Kontrapunkt für raffinierte Auseinandersetzungen mit der hohen Kultur und Musikkunst. Die zielbewusste Mischung von Intellekt und Physiologie lässt die Grenze zwischen der besseren und schlechteren Seite der Menschheit verschwimmen.

Es lohnt sich, die Kriegsattitüde des Buchhelden einmal beiseite zu legen, um eine breitere Perspektive auf die menschliche Verfassung zu bekommen. Wenn wir nur für einen kurzen Augenblick das Dritte Reich und die SS vergessen, werden wir möglicherweise leichter nachvollziehen, dass eine größere Bombe, eine noch gefährlichere Granate, ein vervollkommnetes Gewehr oder ein anderes, vom Menschen konzipiertes Verbrechenswerkzeug eine immer größere intellektuelle Barbarei verursachen. Allmählich entdecken wir zusammen mit Maximilian Aue, dem Ich-Erzählers des Romans, dass der wirksamste Mord am Schreibtisch erfolgt, etwa wie bei Eichmann, der seinen dienstlichen Verpflichtungen sorgfältig nachgegangen ist, ohne dabei seinem zukünftigen Opfer in die Augen zu schauen.

Es reicht, eine wirksame Struktur zu schaffen und die Rollen zu verteilen, um die Verantwortlichkeit zu zerfetzen und verschwimmen zu lassen. Eine solche wirksame Struktur braucht keine Massenexekutionen, sie wird Millionen töten, indem sie Steuern erhöht und Zugang zu Arzneimitteln einschränkt. Und wenn Massenverbrechen einer sprachlichen Behandlung unterzogen werden, hat die Struktur eine reale Chance, den direkten Zusammenhang zwischen dem Täter und dem Opfer mithilfe der sorgfältig ausgewählten Worte, die quasi das Töten anderer „hygienisieren“, zu verstecken.

Bei dieser Herangehensweise sind die Massenmorde kein moralisches, sondern eher ein technisches und … ästhetisches Problem. Die Ideologie und Praxeologie der Nazis waren in diesen soziotechnischen Maßnahmen weder besser noch schlechter als die Ideologie der bolschewistischen Modernisierung (ausgezeichnete Szene der Diskussion zwischen dem SS-Offizier und dem Offizier der Roten Armee), die Ideologie der unsichtbaren Hand des Marktes, die Ideologie des Primats der Vernunft in der Aufklärung, die universelle Demokratie, der zivilisatorische Auftrag des britischen Weltreichs oder der Mythos des auserwählten Volkes.

Die zum Schluss des Romans geschilderte Erzählung von einer Kinderbande, die sich hinter der Frontlinie bewegt und jeden, den sie für den Feind hält, mordet, soll zeigen, dass es keine Grenze für die Vertierung des Menschen gibt, dass jede Grenze überschritten werden kann und der menschliche Intellekt alles zu begründen vermag. Im Finale des Buches tötet Maximilian Aue seinen einzigen Freund, um sein eigenes Leben zu retten. Der  Held des Buches rechtfertigt seine ekelhafte Tat mit der grausamen Logik des Krieges, die seit Tausenden von Jahren unverändert bleibt: nicht die Besseren gewinnen, sondern diejenigen, die im Töten geschickter sind. Sobald jedoch die Kanonen verstummen, werden die Gewinner von der Amnesie betroffen und vergessen ihre eigene Barbarei. Dieses Prinzip gilt nach dem Verfasser des Buches für alle. Die Gesellschaften der Gewinner distanzieren sich von der Mitschuld, wollen sich an das Blut der Feinde auf den Händen der eigenen Helden nicht erinnern. Sie bauen gerne Ehrenmale für diverse Cäsaren, Napoleons, Stalins, Churchills oder Sikorskis, wollen aber ihre Verbrechen nicht in Erinnerung behalten. Das Buch Littells erleichtert die Nachvollziehung der Manipulation mit der Erinnerung und Geschichte, folglich auch mit uns. Die Gewinner sind für Littell die gleichen Verbrecher wie die Verlierer. Oder sogar größere, weil sie gewonnen haben.

Das Buch von Littell provoziert zur Betrachtung unserer Zivilisation als eines Krieges der Korporationen. Die Korporation ist eine Art bürokratischer Struktur mit einer normalerweise vertikalen Hierarchie und einer spezifischen Kommunikation von oben nach unten.

Die Korporationen generieren ihre Gründungsmythen in Form einer internen Religion. Korporationen sind Staaten, Parteien, Firmen, Stämme. Jede solche Entität vervollkommnet sich um zu überstehen. Wenn es dabei notwendig ist, greift sie ein, um die feindliche Korporation zu zerstören.

Im Buch von Littell beobachten wir den offenen Konflikt zwischen den Korporationen des Dritten Reiches: der Sicherheitspolizei mit Himmler an der Spitze, der Wehrmacht mit adligen Marschällen im Generalstab, der leistungsfähigen Maschinerie zur Extermination der Juden im Eichmannreferat, der Korporation deutscher Unternehmer, die mit dem Krieg ein gutes Geschäft machten und Albert Speer als informellem Chef. Es ist jedoch nur alles nur literarische Staffage. Die alliierten Gewinner mussten auch ähnliche Korporationen bilden um die Korporationen des Dritten Reiches besiegen zu können. Diese mussten nur leistungsfähiger und skrupelloser sein. Sie mussten „bessere“ Instrumente zur Menschenversklavung verwenden. Sie fußten vielleicht auf anderen Ideen und Gründungsmythen, waren aber im Hinblick auf die grundlegenden, in der Theorie des Managements beschriebenen Funktionsmechanismen gleich. Die gleichen Kriege um die Macht und Einflüsse werden heute im Geist des gesellschaftlichen Darwinismus durch gegenwärtige Korporationen geführt: es werden nur die leistungsfähigsten überleben.

Die Korporationen führen Kriege, die blind für das Gemeinwohl sind. Sie bekennen keine Ethik. Die Moral und selbständiges Denken wurden in den Korporationen durch Zahlen, Dienstzeremonien, das gesellschaftliche Ritual, wirtschaftliche Termini, logistische Prozeduren und ein spezifisches, bürokratisches „Neusprech“ ersetzt. Dieses „Neusprech“ dient der Standardisierung und zugleich der Verifizierung der einzelnen Mitglieder der Korporation. Ihr täglicher Gebrauch ersetzt Denken. Es ist ein Beweis für die Treue und Hingabe an die Korporation. Und die Treue ist für die Korporation viel wichtiger als das Denken. Der Ausdruck der eigenen Meinung bringt, wie bei dem Helden des Romans von Littell, die Gefahr mit sich, an die Ostfront geschickt zu werden. Die Korporationen sind nämlich gegenüber ihren eigenen Mitgliedern genauso skrupellos wie gegenüber den Feinden. In den Momenten der Bedrohung werden die internen Beziehungen radikalisiert. Das Syndrom der belagerten Festung löst einen internen Terror aus, kreiert einen internen Feind, mit dem ein rücksichtsloser Kampf aufgenommen werden muss. Das Ziel der Korporation ist es, ein jedes Mitglied seines Individualismus auf jedem existenziellen  Niveau, einschließlich der Privatsphäre, zu berauben. Bereits die SS-Formationen praktizierten es, ihre eigenen Reihen als „Humanressourcen“ zu betrachten.

Um anschaulich darzustellen, was die Korporation mit einem Individuum anstellen können, hat Littell in seinem Buch schöne und gut ausgebildete Frauen aufgeführt, die sich freiwillig zum Wohl des Dritten Reiches durch die von den Vorgesetzten benannten Vertreter des Herrenvolkes befruchten ließen. Angesprochen werden auch Soldaten, die – einer Ohnmacht nahe – mit einem ekligen Gefühl Morde begingen, wobei sie vom beruhigenden Gefühl der erfüllten Pflicht begleitet waren. Am markantesten ist für mich die Handlung von zwei Kommissaren der Kripo, die nach dem Helden des Buches fast wie tollwütige Hunde fahnden. Im Rahmen der „Korporationsmoral“ ist einer unschuldig, der auf Befehl der Zentrale Massenmorde an Menschen in der Ukraine oder in Polen organisierte. Er wird aber dafür verfolgt, dass er seine Mutter und seinen Stiefvater „auf eigene Faust“ getötet hat.

Im Namen der Relativierung des Verbrechens beansprucht eine der Korporationen, d.h. die Kripo, viele Menschen und Geldmittel für Ermittlungen, die von vornherein den Status sinnloser Ermittlungen haben ,wenn der Leser im Hintergrund der Ermittlungen ein industriell ausgelegtes Verbrechen verfolgen kann. Diese zwei dienen Littell zur Veranschaulichung der Mentalität eines typischen Mitglieds der Korporation. Das Bewusstsein eines Auftrags, das ins Gehirn der beiden Polizisten hineinprojiziert ist, endet erst mit deren Tod. Für ein ideales Mitglied der Korporation gilt: Die Moral ist Korporation.

Der von Littell dargestellte Geist der Korporation ist erschreckend. Letztendlich wird er auf die Leistungsfähigkeit in Darwinscher Herangehensweise eingeschränkt: es werden nur die Leistungsfähigeren überleben. Die Menschen und deren Bedürfnisse, Werte und Prinzipien werden zu statistischen Kennzahlen. Die Korporation, die nach der Maximierung der  Leistungsfähigkeit (nicht mit dem materiellen Gewinn zu verwechseln) strebt, muss alles in Zahlen ausdrücken. Ohne Zahlen ist eine Korporation sinnlos. Nur durch Zahlen kann die Leistungsfähigkeit der nach Auschwitz gebrachten sklavischen Arbeitskraft erhöht werden. Das Töten kranker Gefangener lässt die Rationen für Überlebende erhöhen. Durch Einsatz der Krematorien wächst das Tempo der Bereinigung Europas von unerwünschten Elementen. Die Bezeichnung der Gaskammer als Badeanstalt dient auch der Effektivität, weil die Verhinderung der Panik den Prozess der Verarbeitung der Menschen zu Asche und Rauch beschleunigt. Hier gibt es keine Emotionen, nur Zahlen.

Fazit: Vor unseren Augen verschwindet der Staat als dominierende und über unser Leben entscheidende Korporation. Die Globalisierung bietet uns an, eine Entität der Humanressourcen in supranationalen Korporationen zu sein. Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, Microsoft, BP oder Europäische Union sind Korporationen, die den alten technokratischen Konzepten von Eichmann, Speer oder Himmler nachgehen. Die heutigen Korporationen sorgen nur scheinbar für unser Wohl. Ihr Ziel ist es, eine möglichst hohe Leistungsfähigkeit in den zwischen ihnen geführten Kriegen zu erreichen. So oder so sind wir nur „Kanonenfutter“ für sie.

Wir, Europäer, haben Glück. Wir gehören der Aufsichtsebene an. Bedingt durch den hohen Lebenskomfort nehmen wir nicht wahr, wie Millionen von Menschen aus Mangel an Medikamenten und Lebensmitteln sterben, wie fast ganze Völker in unterschiedlichen lokalen Kriegen in fast der ganzen Welt ums Leben kommen. Durch diese Kriege haben wir es besser und mehr als andere. Und all das dank den globalen Korporationen, die uns als überlebenswert betrachtet haben.

Krzysztof Chmielnik
Übersetzung: Jerzy Bielerzewski