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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Kurze Geschichte der polnischen Eugenik

Die Leitworte der eugenischen Soziotechnik– zuerst in britischer Version – erreichten schnell die polnischen Gebiete, die bis 1918 unter der Besatzung Russlands, Deutschlands und Österreich-Ungarns blieben. In der unabhängigen Zweiten Republik Polens (1918-1939) standen die polnischen Enthusiasten der Eugenik bereits unter dem Einfluss der Arbeiten von Grotjahn, Ploetz, Baur und Lenz. Seit den 30-er Jahren des 20. Jh. kamen zu den Einflussfaktoren auch die im Milieu der deutschen Nazis zum Ausdruck gebrachten Postulate, allerdings ohne Affirmation der nordischen Rasse, hinzu.

Die polnische Intelligenz hat mit einem sich aus der gerade wiedergewonnenen staatlichen Unabhängigkeit ergebenden Enthusiasmus gerne Maßnahmen zur Stärkung des Landes und zur Verbesserung der gesellschaftlichen Konstitution, im Einklang mit den damals aktuellen wissenschaftlichen Trends im Bereich Geburtenkontrolle und Erhöhung der Hygienestandards getroffen. Ein gewisses Selbstbildnis der frühen Phase der polnischen soziotechnischen Bewegung in der unabhängigen Zweiten Republik Polen finden wir im Buch von Karol Stojanowski unter dem Titel ,,Rasowe podstawy eugeniki” („Rassengrundlagen der Eugenik“). In der damaligen Zeit nahm die Polnische Gesellschaft für Eugenik (gegründet mit dem Ziel, gegen die Entartung der Rasse zu kämpfen) ihre Tätigkeit auf und gab eine Sonderzeitschrift „Fragen der Rasse aus der Sicht der sozialen Gesundheit“ heraus. Die Seele dieser Gesellschaft war Dr. Leon Wernic.

Die Gesellschaft polnischer Eugeniker führte eine rege Tätigkeit indem sie eigene Veröffentlichungen herausgab, Vorlesungen hielt, eugenische Beratungsstellen und Ambulatorien gründete. Eine wertvolle und bisher einzige Arbeit, die die Geschichte der polnischen Eugenikbewegung beschreibt, ist das Buch von Magdalena Gawin unter dem Titel „Rasse und Moderne, Geschichte der polnischen Eugenikbewegung“. Aus der Forschung der Verfasserin ergibt sich eine große Differenziertheit des polnischen Milieus der Eugeniker in Bezug auf die Radikalisierung der Herangehensweisen. Zu den damaligen Radikalen gehörten die Ärzte Leon Wernic, Piłsudski-Anhänger und eifriger Kritiker des Milieus der sogenannten Arzthygieniker  und Tomasz Janiszewski, Anhänger des Autoritarismus in den Beziehungen zwischen dem Staat und der Gesellschaft sowie Sympathisant der Bauernbewegung.

Janiszewski meinte, dass die Intelligenz, besonders die Ärzte, in der staatlichen Struktur befördert werden sollten. Das Gleiche gelte für Ingenieure und Juristen, die Janiszewski nicht so gerne hatte. Eine eher traditionelle, durch den Positivismus gekennzeichnete Herangehensweise an die Eugenik präsentierten die Arzthygieniker, deren Vertreter Józef Polak war. Den Begriff „Vervollkommnung der Rasse“ assoziierten sie mit der Verbesserung des Hygieneniveaus und mit der Bekämpfung  der damals allgegenwärtigen Pathologien: Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten. Die Anhänger der radikalen Methoden der Volksheilung meinten dagegen, dass die unter Zwang und mit staatlichen Behörden eingeführten repressiven Rechtsakten nach dem amerikanischen und deutschen Vorbild ein besseres und schnelleres Ergebnis für die Vervollkommnung der polnischen Gesellschaft brächten.

Das Ministerium für Öffentliche Gesundheit sollte nach ihren Träumen zum schärfsten Schwert im polnischen Eugenik-Kreuzzug werden. Ein Teil der Arzthygieniker hatte allerdings eine feindliche Einstellung gegenüber der staatlichen Omnipotenz. Die als Sparmaßnahme durchgeführte Liquidation des Ministeriums für Öffentliche Gesundheit erwies sich als Niederlage für den radikalen Flügel der polnischen Eugenikbewegung.

Die Spezifik der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in der Diktatoren und autoritäre Führer kreiert wurden, prägte das Denken vieler berühmter Polen. Als Beispiel sei Tadeusz Boy-Żeleński erwähnt, Arzt, Schriftsteller, Dichter und hervorragender Übersetzer der französischen Literatur, der öffentlich zur Sterilisierung taubstummer Kinder aufrief. Die Anhänger der Geburtenkontrolle formulierten an den Staat das Postulat, den mit erblichen Beschwerden belasteten Menschen die Zeugung von Nachkommen durch Sterilisation unmöglich zu machen. „Den Propagatoren der Geburtenkontrolle schließ sich Maria Pawlikowska-Jasnorzewska an, die mit ihren Gedichten deren Kampagne und vor allem den durch die Rechte wie die Linke angegriffenen Boy-Żeleński unterstützte“ (M. Gawin, Rasa i nowoczesność [Rasse und Moderne], Historia polskiego ruchu eugenicznego [Geschichte der polnischen Eugenikbewegung], Wydawnictwo Neriton, Instytut Historii PAN).

Die rassistischen Aussagen kamen unter den polnischen Eugenikern nicht zu oft vor. Wenn sie jedoch schon auftauchten, nahmen sie die Gestalt des offenen Antisemitismus an. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Strömung war der Anthropologe Karol Stojanowski, der in seiner Jugend Soldat der Polnischen Legionen, dann Funktionär der Nationalen Partei und Mitglied des Generalvorstands des Bundes Polnischer Pfandfinder  war. 1924 promovierte er in Philosophie, etwas später verteidigte er seine Habilitationsschrift. Stojanowski warf den Juden vor, die Kategorie der Rasse zu verwenden. Dabei ließ er völlig die historischen Gründe und die Quellen des europäischen und polnischen Antisemitismus außer Acht.

Karol Stojanowski teilte die Ansicht von Lenz über den sich abspielenden Rassenkrieg. Beide Eugeniker, der polnische und der deutsche, warnten, Juden würden in Nordeuropa und Amerika den bisher durch den nordeuropäischen Typ mit blonden Haaren besetzten Platz einnehmen.

Der Antisemitismus Stojanowskis hatte eine kulturelle und wirtschaftliche Grundlage. Er wies beispielsweise darauf hin, dass viele Landgüter in Kleinpolen von Juden übernommen wurden. „Während die polnischen Jugendlichen sowohl im Weltkrieg als auch im Polnischen Krieg kämpften, machten viele jüdische Jugendliche ihren Hochschulabschluss und nahmen wichtige Posten ein. Die meisten Vertreter der intellektuellen Berufe im frühen Galizien waren Juden, aber auch in polnischen Ostgebieten und im Kongresspolen waren zahlreiche Juden in hohen Ämtern vertreten. In die Provinz Posen, die sich bis zu diesem Zeitpunkt relativ wirksam vor der jüdischen Überschwemmung verteidigte, drangen nur wenige zum Christentum konvertierte Juden durch. Die Judenfrage in Polen gehört zu den zentralen Themen der polnischen Eugenik“ (K. Stojanowski, Rasowe podstawy eugeniki [Rassengrundlagen der Eugenik], Poznań, M. Arct, 1937).

Die Soziotechnik Hilers, die gegen Juden, Roma und Slaven ausgerichtet war, brachte die polnischen Anhänger der Eugenik in eine schwierige Lage. Jedoch auch unter diesen Umständen schwieg die Elite der polnischen Intelligenz während der antisemitischen Hysterie in Nazi-Deutschland vor 1939. Obwohl ein paar Millionen polnischer Bürger Juden waren, schloss sie Karol Stojanowski aus der Volksgemeinschaft aus und schrieb unheilverkündende Worte: „Um meine Ausführungen zu rekapitulieren, stelle ich fest, dass die Assimilation der Juden aus eugenischen Gründen unerwünscht ist. Sie müssen entweder auswandern oder deren Geburtenzahl einschränken und einfach aussterben“ (K. Stojanowski, Rasowe podstawy eugeniki [Rassengrundlagen der Eugenik]).

Das Schicksal von Juden gehörte jedoch nicht zu den wichtigsten Themen der Diskussionen polnischer Eugeniker. Für Witold Winiarz, der in der vom anderen Eugeniker, Dr. Oskar Bielawski, redigierten Zeitschrift „Higjena Psychiczna“ [Psychische Hygiene] publizierte, waren NS-Konzentrationslager ein interessantes Experiment an der Isolation von asozialen Menschen.

Magdalena Gawin machte in ihrer Arbeit darauf aufmerksam, dass die Gesetzesentwürfe von polnischen Eugenikern aus den Jahren 1934 und 1935, die u.a. die Sterilisation von Alkoholikern und Epileptikern vorsahen, auf die NS-Gesetze zurückgingen. Artur Hojan unterstrich in seinem Buch „Dr Bielawski i eugenika“ [Dr. Bielawski und die Eugenik], dass die erste Nummer des Periodikums „Higjena Psychiczna” aus dem Jahre 1935 „außer dem Entwurf des polnischen Sterilisationsgesetzes auch den Nachdruck des einschlägigen NS-Gesetzes, das vom Kanzler des Dritten Reiches Adolf Hitler unterschrieben war, enthielt.“ (A. Hojan, Dr.Bielawski i eugenika, Kościan 2009).

Der Entwurf des polnischen Sterilisationsgesetzes stieß jedoch auf einen immer weiter wachsenden Widerstand. Zu dessen Kritikern gehörte Professor Stefan Dąbrowski. In einem 1938 bei der „Higjena Psychiczna“ veröffentlichten Text protestierte er leidenschaftlich dagegen, diese Idee als eine polnische zu bezeichnen: „Sie ist einfach eine reine Widerspiegelung des deutschen Geistes des Hitler-Reiches, ein Ausdruck der materialistischen Auffassung des menschlichen Wesens und des menschlichen Schicksals und schließlich eine sklavische Nachahmung der gegenwärtigen, wissenschaftlich unreifen, Muster, und kein Erzeugnis des polnischen Geistes“.

Polnische Eugeniker fanden für ihre Idee keine große Akzeptanz in der Gesellschaft. Diese Idee war lediglich eine modische Neuigkeit für einen Teil der intellektuellen Elite, ohne einen realen Einfluss auf die gesetzgeberischen und rechtsausführenden Gremien des damaligen polnischen Staates. Auch die polnische römisch-katholische Kirche widersprach der Eugenik, im Namen der Heiligkeit des Lebens. Darüber hinaus war die schwache polnische Staatlichkeit gegenüber dem perfekt organisierten und auf den trockenen Prozeduren fußenden Staatsapparat des Dritten Reiches paradoxerweise der Grund dafür, dass viele Tragödien verhindert werden konnten und vielen polnischen Intellektuellen die Schande erspart wurde, pseudowissenschaftliche Experimente an Menschen zu unterstützen, die zu deren Verkrüppelung führten und sie der bürgerlichen Ehre sowie der Mitgliedschaft in der Volksgemeinschaft beraubten.

Adam  Ruszczyński

Übersetzung: Jerzy Bielerzewski