Polish (Poland)Deutsch (DE-CH-AT)

„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Eugenische Sünden eines modernen Staates

Die Geburt einer funktionsfähigen Maschinerie zum Töten, wie sie im Dritten Reich entwickelt wurde, war nur und ausschließlich aufgrund des zivilisatorischen Fortschritts Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jh. möglich. Mit anderen Worten: Wenn die NS-Ideologie in einem anderen, entwicklungsschwachen Staat an Bedeutung gewonnen hätte, wären Pogrome, ja sogar Massenmorde (z.B. Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915) zwar möglich, jedoch eine planmäßige, mehrjährige Massenvernichtung eines Volkes unmöglich gewesen. Notwendig für ein solches Ereignis war eine funktionsfähige bürokratische Maschinerie, die ihre Aufgaben im Namen der bürokratischen und verwaltungstechnischen Sorgfalt erfüllte.

In seiner Arbeit „Die Moderne und der Holocaust ” unterscheidet Zygmunt Bauman zwei Herangehensweisen an die Untersuchung des Holocaust. Einerseits wird Holocaust als ein in der menschlichen Geschichte einmaliges Ereignis angesehen, das auf eine nicht näher bestimmte Verkettung von Umständen aus dem Bereich der Gruppenpsychologie zurückgeht, andererseits wird Holocaust als ein Bestandteil der europäischen Zivilisation betrachtet. Das heißt, dass die sozialen  und psychologischen Mechanismen, die hinter dem Holocaust standen, so angesehen werden, als ob sie von „normalen“, im gesellschaftlichen Leben vorkommenden Mechanismen abgeleitet werden könnten.

Was nun Zygmunt Bauman anbelangt, so entwickelt und begründet er in seiner Arbeit die zweite Herangehensweise, nach der die Organisation der planmäßigen Vernichtung des jüdischen Volkes sowie andere eugenische Pläne des Dritten Reiches in ihrer internen Struktur auf Ideen und sozialen Mechanismen fußten, die im Kreise der europäischen Zivilisation, besonders im 19. Jh., entstanden und entwickelt wurden. Er weist auf zwei grundsätzliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hin, die sich im Laufe der „normalen“ gesellschaftlichen Prozesse herauskristallisierten und ihre pathologische Weiterentwicklung in der NS-Politik und im Holocaust fanden. Der erste ist Bürokratie, und der zweite, der mit der Sphäre der Ideen verbunden ist, betrifft, allgemein gesagt, die Pläne zur Vervollkommnung der Rasse, die mit den „gärtnerischen“, so Bauman, Ambitionen der modernen Politik zusammenhingen.

Fangen wir mit der Bürokratie an. Spätestens  seit der Zeit Max Webers ist bekannt, dass die Bürokratie das Fundament eines modernen Staates ist. Nicht nur ermöglicht sie eine reibungslose Erfüllung politischer und verwaltungsmäßiger Postulate, sondern sie ist auch die Quelle des gesellschaftlichen Solidarismus, und zwar so verstanden, dass man die in einem bestimmten geografischen Gebiet herrschenden Regeln und Normen nur durch das bürokratische Handeln vereinheitlichen kann. Der Fortschritt, ein von allen modern denkenden Menschen beliebter Terminus, war und ist ausschließlich durch die Wirkung bürokratischer Mechanismen möglich. Man kann ganz ruhig die These aufstellen, dass das Niveau der Bürokratie des gesellschaftlichen Lebens gleichzeitig als Maßstab für dessen zivilisatorischen und technischen Fortschritt dient. Je leistungsfähiger die Bürokratie im Staat ist, desto moderner ist auch der Staat selbst.

Aus dieser Sicht, schreibt Bauman, war die Geburt einer funktionsfähigen Maschinerie zum Töten, wie sie im Dritten Reich entwickelt wurde, nur und ausschließlich aufgrund des zivilisatorischen Fortschritts Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jh. möglich. Mit anderen Worten: Wenn die NS-Ideologie in einem anderen, entwicklungsschwachen Staat an Bedeutung gewonnen hätte, wären Pogrome, ja sogar Massenmorde (z.B. Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915) zwar möglich, jedoch eine planmäßige, mehrjährige Massenvernichtung eines Volkes unmöglich gewesen. Notwendig für ein solches Ereignis war eine funktionsfähige bürokratische Maschinerie, die ihre Aufgaben im Namen der bürokratischen und verwaltungstechnischen Sorgfalt erfüllte.

Was steckt nun Besonderes in der Bürokratie, dass dieser berühmte Soziologe sie für einen der Mechanismen des Holocaust hält? Die Bürokratie hat, so Bauman, zwei Eigenschaften, die sie konstituieren. Zum einen ersetzt sie die moralische Verantwortung durch die  Ausführungsverantwortung. Das heißt, dass jedes Mitglied der bürokratischen und verwaltungstechnischen Maschinerie für den wichtigsten und Hauptgrund seines Handelns nicht „sein eigenes Gewissen“, sondern die Zufriedenheit seines Vorgesetzten hält. Zum zweiten erfolgt im Prozess der Bürokratisierung eine Enthumanisierung des Handlungsgegenstandes. Der Mensch wird nicht nach Kantischer Denkweise als Ziel unseres Handelns sondern technokratisch als eine quantitative, statistische Größe angesehen. In der rechnerischen Auffassung verschwindet das Individuum mit seinem Begehren und seinen Handlungsmotiven. Es wird durch eine Ziffer, die sich übrigens nicht auf den Menschen selbst, sondern auf eine Personengruppe bezieht.

Die geschilderten Eigenschaften der Bürokratie sind, es sei noch einmal daran erinnert, für jede bürokratische Maschinerie charakteristisch. Darüber hinaus sind sie für deren Leistungsfähigkeit ausschlaggebend, und unter normalen Umständen sind sie sogar erwünscht. Wenn einer von uns ins Geschäft oder zur Post geht, erwartet er wohl nicht, dass die Verkäuferin bzw. Postangestellte ihn mit ihren persönlichen Problemen und Schwierigkeiten langweilt, wodurch die Unwirksamkeit eigenen Handelns gerechtfertigt werden soll. Vielmehr ist zu erwarten, dass man schnell und professionell bedient wird und dass die Grundlage unserer Beziehungen mit der Angestellten durch bestimmte Prozeduren, und nicht persönliche Sympathie oder gegenseitiges Verstehen gebildet werden. Der Ersatz moralischer Verantwortung durch Ausführungsverantwortung sowie die Entpersonalisierung bürokratischer Verhältnisse sind folglich die grundlegende Voraussetzung für die bürokratische Wirksamkeit.

Der zweite Bereich, in dem die Analogie zwischen der „normalen“ Gesellschaft und der Gesellschaft des Holocaust erörtert werden kann, ist die Sphäre der Ideen, oder genauer gesagt das, was der Verfasser von „Die Moderne und der Holocaust“ im 3. Kapitel seiner Arbeit als „gärtnerische“ Ambitionen eines modernen Staates beschreibt. Im Großen und Ganzen handelt es sich dabei um die in der europäischen Kultur präsente und besonders in der 2. Hälfte des 19. Jh. entwickelte, eugenische Idee über die Vervollkommnung der Rasse. Nach dieser Idee hat die Gesellschaft und vor allem der Staat die Pflicht, Individuen im Hinblick auf deren soziale Eignung und Übereinstimmung mit einem gewissen „normalen“ Vorbild des menschlichen Wesens zu selektieren. In diesem Sinne werden also die besseren, die normalen und sozial nützlichen sowie die schlechteren Einzelwesen unterschieden.  Es ist die Prärogative des Staates und der Gesellschaft, die Gattung Mensch zu „züchten“, bessere Individuen auszulesen, miteinander zu paaren und die schlechteren zu eliminieren.

Die eugenischen Ideen sind auch in den „normalen“ Gesellschaften präsent. Für offensichtlich wird heutzutage die Berechtigung des Staates gehalten, sich um die Gesundheit der Gesellschaft zu kümmern, um nur das allgegenwärtige Rauchverbot zu nennen. Wir meutern auch nicht gegen Schulen für besonders Begabte, auch wenn deren „gesellschaftliche“ Konsequenz die Tatsache ist, dass die Absolventen dieser Schulen oft keinen Kontakt mehr zu anderen gesellschaftlichen Gruppen als ihre eigene haben. Das Ideal einer rationalen Gesellschaftsorganisation wird auch nicht nur als Privileg angesehen, sondern sogar eine Pflicht, wenn es sich um die Nutzung materieller Mittel, die Raumordnung in den Städten oder ähnliche Angelegenheiten geht. Obwohl sich unsere Denkweise also zweifelsohne von den Idealen der klassischen Eugenik unterscheidet, sehen wir nichts Böses an der Idee, die Gesellschaft in gärtnerischer Manier zu „züchten“.

Um sich die Allmacht dieser Denkweise zu vergegenwärtigen, reicht ein kleines Denkexperiment. Stellen wir uns vor, die Wissenschaftler finden morgen die Murti-Bing-Pille Witkacys. Nach deren Einnahme sind alle glücklich, die Kriminalität sowie die Zahl der psychischen Krankheiten und anderer negativer (bzw. als negativ angesehener) sozialer Erscheinungen sinken rapide. Ich gehe davon aus, dass ein großer Teil der Gesellschaft der Meinung wäre, der Staat habe nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht dafür zu sorgen, dass die Pille allgemein und gleichmäßig in der Gesellschaft eingenommen wird. Diejenigen, die die Pille nicht einnehmen möchten, würden wahrscheinlich für asoziale Elemente gehalten, die bestenfalls gebrandmarkt werden müssten.

Die Eugenikidee selbst ist natürlich nicht neu. Ihre Geschichte kann bis in die Zeit der Antike und der Schriften Platons, der in seinem Werk „Der Staat“ für die  Bildung verschiedengeschlechtlicher Paare unter Berücksichtigung von deren Eigenschaften plädierte, zurückverfolgt werden. Es sei hier auch auf den spartanischen Brauch hingewiesen, kränkelnde und lahme Kinder loszuwerden. In der neuzeitlichen Periode kommt diese Idee zuerst mit Bezug auf die psychisch Kranken zurück (siehe „Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ von M. Foucault) um dann im Zusammenhang mit den Namen Spencer und Gobineau als eugenisches Postulat der Eliminierung sozial ungeeigneter Einzelwesen Einzug in den Bereich der gegenwärtigen Politik zu halten.

Dieses Postulat der Elimination kann unterschiedlich ausgelegt werden. Angefangen mit einer milden Interpretation, wie etwa bei F. Galton, ist die Rede über die Abschreckung der schlechteren Individuen vor der Reproduktion, bis zu extremen Formen, wo unter der Eliminierung einfach die physische Eliminierung, Kastration oder bestenfalls strenge Getrennthaltung verstanden wird. In allen Fällen führt das zum gesellschaftlichen Darwinismus, einer Ansicht also, dass das Aussterben von schwächeren und die Herrschaft der stärkeren Organismen in der Gesellschaft wie in der Natur zugelassen werden sollte.

 All diese Ideen, um sowohl das Konzept Zygmunt Baumans als auch Michel Foucaults zu nennen, haben eine Gemeinsamkeit, und zwar berufen sie sich auf das Ideal einer rationalen Organisation der Gesellschaft. Sie gehen auf die für die europäische Zivilisation fundamentale, philosophische Idee der Vernünftigkeit zurück, nach der vernünftig (rational) sein per definitionem eine Eigenschaft menschlichen Seins ist. Gefolgt wird diese Idee durch die Axiologie, nach der nicht nur das Vernünftige besser als das Unvernünftige ist, sondern das Vernünftige das Recht und sogar die Pflicht hat, die Sphäre des Unvernünftigen zu beherrschen und diese nach eigenen Interessen zu gestalten.

Um dies weniger philosophisch auszudrücken, ist die grundlegende eugenische Idee der Menschenzucht unzertrennbar verbunden mit, erstens: der Festlegung des erwünschten Zustands (einer rational organisierten Gesellschaft), und zweitens: dem Ausschluss aus dieser Gesellschaft von Personen, Lebensstilen und Bräuchen, die mit dem Ideal der Vernünftigkeit nicht einig sind. Der moderne Rassismus, fasst Zygmunt Bauman seine Gedanken zusammen, ist untrennbar mit der modernen Wissenschaft verbunden, denn die Idee der Rassenvervollkommnung wurde eben von einer wissenschaftlichen Denkweise abgeleitet und die Moderne stellt für die Ideen der rationalen Organisation von Gesellschaften eine Autorität dar.

Eine Besonderheit in diesem Zusammenhang ist nach Zygmunt Bauman der Fall von Juden, die fast von Beginn ihrer Existenz an in den Gebieten Europas wie fremdes Element behandelt wurden. Zuerst geschah es aus religiösen Gründen, um dann den Status eines – wie der Verfasser des Werkes schreibt – „theoretischen Juden“ zu erreichen. Gemeint ist damit eine Position, die wenige Gemeinsamkeiten mit den wirklich lebenden Vertretern der jüdischen Gemeinschaft aufwies, dagegen aber viel mit den Stereotypen und Überzeugungen vom Wesen der Juden zu tun hatte. Beispielsweise, dass Juden geizig und auf wirtschaftliche Macht orientiert sind, dass sie die Welt von einem Versteck aus regieren wollen usw.

Die Betrachtung der Juden als eines symbolischen und allgegenwärtigen verdächtigen Elementes, dessen kulturelle Andersartigkeit die Assimilation mit den Gesellschaften rationaler Europäer nicht zuließ, trug dazu bei, dass jener theoretischer Jude von allen Parteien des gesellschaftlichen Konflikts zum „Sündenbock“ gemacht wurde. Die Kommunisten waren davon überzeugt, dass Juden das große Kapital regieren, die Kapitalisten dagegen, dass Juden eine Weltrevolution wollen. Die Fortschrittler empfanden Ekel vor traditionell in Chalats gekleideten Juden und die echten Christen empfanden Ekel vor Juden, die sich nicht zu der richtigen Religion bekannten. Für all diese Menschen waren Juden der Inbegriff des Fremden, des rational nicht Fassbaren, was Chaos in die wissenschaftliche Ordnung der Gesellschaft einbringt.

Die Bürokratie in der oben geschilderten Form und das Ideal der Rassenvervollkommnung sind zwei Faktoren, die die Entstehung von NZ-Ideologie und Vernichtungsmaschinerie ermöglichten. Das eugenische Ideal der Rassenvervollkommnung, untermauert durch den Plan einer rationalen gesellschaftlichen Organisation, brandmarkte eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe als Haupthindernis bei der Erreichung dieses Ziels. Die Bürokratie war dagegen erforderlich, damit man die Idee der Vernichtung des jüdischen Volkes reibungslos in der Wirklichkeit erfüllen konnte. Die Idee der physischen Eliminierung war eher ein Werk der Bürokraten als der Nazis, so Bauman. Die Nazis wollten in ihrem Programm einfach die Beseitigung der jüdischen Komponente aus dem deutschen Leben. Daher kommen auch der karikaturistische Madagaskarplan, die Genehmigung zur Ausreise der Juden aus Deutschland in den 30-er Jahren oder die Abschiebung der Juden, die oft nur eine Spur der Abstammung aus den slawischen Gebieten vorweisen konnten, aus dem Dritten Reich nach Polen. Es war die Bürokratie, die entschied, dass all diese Ideen zu teuer und ineffizient sind, und die leistungsstark organisierte Aktion der physischen Eliminierung ist die einfachste und preisgünstigste Methode, die von den politischen Führern gesetzten Ziele zu erreichen.

An dieser Stelle kommen wir zu der grundlegenden Konklusion in der Arbeit Zygmunt Baumans. Wie er in den letzten Kapiteln seines Buche schreibt, stellten Bürokratie und rassistische Eugenik Instrumente des Dritten Reiches dar. Dessen Fundament waren jedoch nicht nur Instrumente, sondern auch die Art und Weise, diese durch die Politik zu verwenden. Gerade aus der Politik strömten Impulse und Befehle, die die Wirklichkeit des Holocaust gestalteten. Das Werk Baumans ist also nicht nur eine Analyse der Entstehung von Vernichtungsmechanismen, sondern auch ein Plädoyer für die Wichtigkeit der politischen Sphäre. Die Politik sei nämlich nicht nur Instrument der mehr oder weniger leistungsfähigen Verwaltung, nicht nur ein Instrument zur Erhöhung des BIP, sondern auch ein Raum, in dem über die Form des gesellschaftlichen Lebens entschieden wird. Wenn die Politik für die pathologische Nutzung der normalen Mechanismen gesellschaftlichen Lebens verantwortlich ist, dann ist sie auch dafür verantwortlich, dass diese Mechanismen richtig oder wenigstens schadlos verwendet werden.

Wenn solche Werke wie „Die Moderne und der Holocaust“, „Über den Totalitarismus [The Origins of Totalitarism]“ von H. Arendt oder in der Belletristik „Die „Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell etwas mehr sein sollten als nur Forschungsgegenstand der Historiker, dann müssen wir fragen, ob, und wenn ja – welche gesellschaftlichen Mechanismen auch in unserem gesellschaftlichen Leben präsent sind, und was sich aus der Lektüre solcher Arbeiten für uns, gegenwärtige Leser ergibt? Mit diesen Fragen möchte ich mich im letzten Teil meines Beitrags auseinandersetzen. Aus der hier erörterten Arbeit von Zygmunt Bauman können meines Erachtens zwei Schlussfolgerungen gezogen werden. Zum einen sagt uns die Soziologie des Holocaust, dass er durch gesellschaftliche ideellen Strukturen, die bereits früher in den „normalen“ Gesellschaften vorkamen, möglich war. Zum zweiten haben diese Strukturen ihre eigene interne Logik, die zur Pathologie tendiert, wenn sie durch die Sphäre der Politik nicht kontrolliert wird.

Das Ende des Dritten Reiches bedeutete natürlich nicht, dass die Bürokratie oder eugenische Tendenzen in den europäischen Gesellschaften verschwunden wären. Darüber hinaus wissen wir, dass sowohl die Bürokratie als auch die „gärtnerischen“ Ambitionen des Staates gewissermaßen eine Voraussetzung für die Existenz dieser Gesellschaften sind. Es sei hinzugefügt, dass alle Ideen, die Macht des Staates und der Bürokratie einzuschränken, utopisch sind. Die gegenwärtige Struktur der Gesellschaft ist nicht von irgendwo hergekommen. Sie ist nämlich Resultat langfristiger gesellschaftlicher Prozesse, infolge deren der moderne Staat mit der Bürokratie und den immer weiter um sich greifenden Eingriffsbereichen entstanden sind. Wenn wir also auf den Staat, dessen Bürokratie und „gärtnerische“ Ambitionen  angewiesen sind, dann bleibt meines Erachtens nur noch eine Frage offen, und zwar, wie die Politik organisiert werden sollte, damit die genannten Institutionen nicht so wie im Dritten Reich entstellt werden?

Die Antwort auf diese Frage scheint einfach zu sein. Die wichtigste Sicherheitsmaßnahme gegen Pathologisierung der genannten Institutionen, die der heutigen Politik zur Verfügung stehen, ist der demokratische Pluralismus. Die Idee, die das Fundament abendländischer Gesellschaften in der Nachkriegszeit und mit der diese Gesellschaften selbst so durchtränkt sind, dass sie auf jeden, auch nur scheinbaren Versuch der Erschütterung von demokratischen Strukturen der Politik allergisch reagieren. Die Vereinigung der Macht in einer Hand auf der Ebene der politischen Strukturen scheint also heutzutage nicht möglich. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir heute nicht mit den Prozessen der Machtkonzentration zu tun hätten, obwohl diese gewissermaßen unterhalb der offiziellen Machtstrukturen verlaufen. Ich meine hier Kultur- und Wirtschaftsprozesse unterschiedlicher Art, die eine Gemeinsamkeit aufweisen, welche hier vorläufig Vereinheitlichung genannt sei. Gemeint ist die Situation, in der wir mit dem Versuch der Unterdrückung lokaler Einzigartigkeiten sowohl in kultureller als auch wirtschaftlicher Hinsicht konfrontiert werden.

In europäischer Dimension ist dies zweifelsohne in der Bestrebung sichtbar, die gesellschaftlichen Prozesse von einem gewissen europäischen Zentrum aus steuern zu wollen.

Ich bin der Ansicht, dass die in der heutigen Politik und Kultur präsenten Vereinheitlichungstendenzen als Fortsetzung der in der Politik seit der Aufklärung vorkommenden eugenischen Tendenzen angesehen werden können. Ihnen zugrunde liegt nämlich die Überzeugung, dass es nur ein richtiges, sprich: vernünftiges Wirtschafts- und Lebensstilmodell gibt; dass alles, was zu diesem Modell nicht passt, etwas Schlechteres und Verurteilenswertes sei. Jene Vereinheitlichungspraktiken haben folglich mit den klassischen Eugenikideen die Kategorie des Ausschlusses gemeinsam. So wie in der klassischen Eugenik alles, was zum Ideal der Vernunft nicht passte, als Zweitrangiges, Schlimmeres betrachtet wurde, so wird heute das, was im Gegensatz zu den Globalisierungsprozessen nach einem getrennten, eigenen Weg sucht, als Hindernis in der Entwicklung und im Fortschritt angesehen wird.

Das bedeutet nicht, dass ich hier zur Unterstützung einer gewissen nebulösen Idee vom Europa der Heimaten aufrufe. Von Anfang an war es mir klar, dass diese Idee ein getarnter Versuch zur Ablehnung der europäischen Gemeinschaft ist. Dahinter versteckt war nicht die Bestrebung nach der jeweiligen Eigenart, sondern die Angst, dass uns jemand irgendwelche universellen Spielregeln aufdrängen und uns somit  der Mmacht auf eigenem Boden berauben könnte. Das ist auch meines Erachtens die Quelle des Widerspruchs der polnischen Kirche gegen ethische Postulate diverser Art, die aus Brüssel an Polen gerichtet werden.

Wenn wir ad absurdum ausgebaute Bürokratie und vereinheitlichende Kultur- und Wirtschaftsprozesse auf der einen Seite haben, bedeutet dies nicht, dass auf der anderen Seite nur lokale Traditionen und Angst vor Globalisierung vorkämen. Erforderlich ist hier das Postulat nach einem extremen Pluralismus, nach Achtung jeder Andersartigkeit. Nur extremer Pluralismus der Ansichten, der Lebensstile oder der Wertesysteme sind imstande, die der Bürokratie und der gegenwärtigen Art der Eugenik, genannt Vereinheitlichung, immanenten Tendenzen zur Unifikation auszugleichen. Wenn wir also danach fragen, wie die heutige Politik sein sollte, dann sollte sie eine Grundlage für den genannten Pluralismus sein.

Wir werden die Bürokratie nicht beseitigen. Wir werden auch die „gärtnerischen‘ Ambitionen des Staates nicht loswerden. Wir können jedoch versuchen, diese auszugleichen, damit wir eines Tages nicht mehr in einer faschistischen Wirklichkeit, aber vielmehr in der Huxleyschen neuen wunderbaren Welt nicht  aufwachen müssen, in der der höchste Wert eine Stabilität ist, die sich daraus ergab, dass alle gleich waren.

Tomasz Banaszak

Übersetzung: Jerzy Bielerzewski