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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Die Grenzen der Freiheit und der Macht

Es sollte gar nicht passiert sein. Aber: es passierte doch. Wieso konnte man in einem Zivilisationskreis, der die raffinierteste Philosophie der Welt, eine große jüdisch-christliche Religion kreiert hatte und später die Aufklärung mit ihrer Ideologie des allumgreifenden Verstandes, wie konnte man in diesem Zivilisationskreis im Namen von Wissenschaft und Fortschritt einen Anschlag auf die Grundsätze der neuzeitlichen Demokratie ausüben – auf die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – um im Endeffekt die Idee der Nächstenliebe zu annullieren?

Die Vollkommenheit der Götter war für die Menschen ein Ideal und eine Herausforderung, so wie der Mount Everest. Der Mythos über Prometheus, der das Feuer – ein göttliches Element – stehlt, um den Menschen zu helfen, wurde zum Symbol von Revolte gegen die Dominanz der Götter, sowie zum Triumph des freien Willens, der jedoch einen hohen Preis hat. Der Mythos beschreibt eine Usurpation, die auf dem Transfer der göttlichen Eigenschaften auf sterblichen Menschen beruht. Die Griechen waren besonders prädestiniert für den Aufstand gegen die Götter und eben sie haben auch den Weg für die europäische Kultur bis in die Neuzeit hin geebnet. Wie Giovanni Reale aufzeigt, hatten die Griechen keine heiligen Bücher, die als Früchte der Offenbarung fungiert hätten, wodurch sie auch keine starre und unveränderbare theologische Dogmatik hatten. Zur Freidenkerei hat das natürlich geradezu eingeladen. Die Griechen ließen sich außerdem gerne im pharaonischen Ägypten nieder, wo Geometrie und Mathematik damals schon zwei tausend Jahre lang betrieben wurden. Zugang zu diesen Wissenschaften war nur den Eingeweihten gestattet. Es war nämlich göttliches Wissen, das die Zuseamenhänge zwischen dem Makrokosmos und dem erdlichen Dasein verstehen lies.

Wissen war ein Teil der Religion. Mit der größten Erfurcht beglückten die intellektuellen ägyptischen Eliten den Gott der Weisheit Thot, und diesem Begriff wurde elitäre Sanktion verliehen, ein Vorbehalt, so dass es ihn nur für die Eingeweihten gab. Die Weisen waren gleichzeitig Priester. Griechisches Interesse für die Mathematik und Religion der Ägypter hat eine Explosion von Untersuchungen hervorgerufen, die die Arithmetik, die Geometrie, die Fragen der Harmonie, der Musik und die der Proportionen im Kontext des göttlichen Schöpfungsaktes verortet haben. Diese gesamte Bestandsaufnahme, die Pythagoras durchfuhr, brachte die Philosophie hervor – eine neue Religion für die Bestgebildeten. Weisheit und Religion waren stets mit sich identisch. Die Weisen, die keine Priester waren, haben das erste mal in der Geschichte Europas, aber anders als in Ägypten, ein philosophisch-religiöses System ausgearbeitet, in dem als Ziel des Lebens nicht der Körper, sondern die ewige und göttliche Seele galt. Diese Idee hat Platon übernommen. Laut ihm bringt das Wissen um die göttliche Zahl die Kenntnis der Weltseele.

Das triumphierende Christentum bereitete schon am Abend des Altertums den Grund für die Zwietracht zwischen der Religion und der Wissenschaft vor, indem es den Gnostizismus, den Pythagoreismus und später auch den Neoplatonismus bekämpfte. Sogar die Aufnahme einer großen Dosis des Neoplatonismus hat nichts gebracht. Und zum Triumph Athens über Jerusalem ist es in der Geschichte der Kirche nicht mehr rechtzeitig gekommen. Der Antiintellektualismus des Gregorius Anciuses, also des Papstes Gregors des Großen, war Jahrhunderte lang der verpflichtende kontraphilosophische Trend. Letztendlich hat der aufklärirische Rationalismus eins bewerkstelligt – er hat die einst harmonischen Begriffe von Religion und Weisheit getrennt.

Die Wissenschaft, vor allem im 19. Jahrhundert, nutzte die Forschungs- und Meinungsfreiheiten, und errichtete ihr eigenes Wissensgebäude: einen neuen säkularen Glauben, der alle großen Probleme der Welt lösen sollte, ohne Beteiligung von religiösen Autoritäten. Die Philosophie fand eine neue Inspirierung in den Naturwissenschaften, die den Menschen zu einer der vielen, die Erde bewohnenden, Gattungen herabwürdigte. Das war eine revolutionäre Änderung in der Herangehensgsweise und die zweite Vertreibung aus dem Paradies. Der Mensch wurde des göttlichen Elements beraubt. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert verzweifelten so viele Koryphäen des Wissens endgültig an Gottes Werk – das zu unvollkommen erschien – und entschieden sich Ihn mit dem vollkommenen Menschen zu ersetzen. Man sah eine Analogie zwischen dem Verbessern der Menschen und den Jahrhunderte lang dauernden, und auch erfolgreichen, Versuchen die Rasseneigenschaften der Tiere zu optimieren.

Die Theorien von Thomas Malthus, Herbert Spencer und Charles Darwin wurden zum Anfang einer Kettenreaktion, die nach der Beimischung der Statistik zu einer Explosion wie die einer Supernova führte, die die Gestallt der bittersten Erfahrung in der neuzeitlichen Geschichte der Forschung angenommen hat.

Herbert Spencer hat Gott mit einem Espenpflock zerteilt, als er in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts sein Buch „Soziale Statik” publiziert hat. In diesem Buch stellt er fest, dass die Menschen nicht vom fürsorglichen und allmächtigen Gott regiert werden, sondern vielmehr durch die herzlosen Naturgesetze. Dabei hat er den Begriff der natürlichen Auslese popularisiert, der nicht allzu viel später berauschende Karriere machen sollte. Laut Spencer sind Armut und Hunger eine Strafe für soziales Unangepasstsein. Und nach seiner Meinung sollten die Unangepassten immer ärmer und immer schlechter ausgebildet werden, um am Ende auszusterben. Die Barmherzigkeit war für Spencer eine schädliche christliche Erfindung.

Die Wissenschaft schuf Argumente, die diejenigen nutzen konnten, die sich ein Schritt weiter zu gehen wagten und Darwins Reflexion, welche die Welt der Tiere betrifft, auf die Gesellschaft übertrugen und für ihre Beschreibung anwandten. So kam der Sozialdarwinismus zur Welt. Nachdem Gott wie ein gemeiner Händler aus dem Pantheon des Wissens vertrieben wurde, brauchten die Gesellschaftsplaner ein anderes sie legitimierendes Schlagwort, um die große Idee der „neuen, verbesserten menschlichen Rasse” in Bewegung zu bringen. Von jetzt an sollte alles nur noch im Namen des Fortschrittes geschehen.

Es war kein Zufall, dass England im 18. und 19. Jahrhundert zum Versuchsplatz neuer Ideen wurde. Bereits im 16. Jahrhundert fanden hier stürmische Änderungen statt, was auf symbolische Art und Weise in den Freimaurerlogen immer sichtbarer wurde. 1600 traf in der Freimaurerloge des St. Mary’s Chapel die Welt der Geistesaristokratie auf die des Blutes. John Boswell of Auchinleck wurde aufgenommen, etwas später auch Lord Eglinkton und Lord Cassilis. Nach 100 Jahren kamen die Logen so in Mode und wurden so prestigevoll, dass 1737 Frederik, Thronfolger und Prinz von Wales, zum Mitglied von einer wurde. Etwas früher, schon 1729, wurde Thomas Prinz von Norfolk, der Führer der englischen Katholiken, zum großen Meister der Großen Loge ernannt. Die Logen waren damals ein Integrationsort. Hier konnten sogar die mitmachen, die aufgrund des Antikatholizismus der Herrscher von England keine staatlichen Aufgaben erfüllen konnten. „Wie ein Gleicher einen Gleichen trafen sich dort Menschen unterschiedlicher Klassen, unterschiedlichen Glaubens, Nationalität, verschiedenster politischer Überzeugungen – und diskutierten ohne Hemmungen über allgemeinmenschliche Ideale und Träume, umstrittene wissenschaftliche, religiöse oder sittliche Fragen”. Gesellschaftliches und politisches Klima des antipäpstlichen Englands förderte den moralischen Individualismus und schuf einen Nährboden für eine uneingeschränkte Forschungs- und Denkfreiheit.

Francis Galton – Mathematik- und Statistikliebhaber, Entdecker fester Gesetzmäßigkeiten, die eine Vorhersage für Änderungen des Luftdrucks ermöglichen, und der Einmaligkeit der Papillarlinien, wie auch verantwortlich für die Methode zur Bestimmung der Fingerabdrücke – suchte wie besessen nach Quellen des Genies. Da er Cousin von Charles Darwin war, und die Last des eigenen Intellekts verspürte, vermutete er die Antwort in der Vererbung finden zu können. Er durchforstete biografische Wörterbücher, Enzyklopädien und Stammbäume von Dichtern, Künstlern, Wissenschaftlern und hervorragenden Militärmännern. Dass viele von ihnen aus denselben Familien stammen, war für ihn ein Beweis für die Vererbung von körperlichen und geistigen Eigenschaften sowie der schöpferischen Prädispositionen. Seine Beobachtungen fasste er in dem 1869 erschienenen Buch „Genie und Vererbung” zusammen. Genial war Galtons Intuition, dass diese Beobachtungen etwas mehr als bloß eine private Besessenheit sein sollte. Gleichzeitig bedauerte er, dass seine Theorien stets keine wissenschaftlichen Grundlagen hatten. So begann seine Suche nach einer mathematischen Formel, um die Eigenschaften der Nachkommenden feststellen zu können.

Galtons Vermutungen kamen die Feststellungen des deutschen Biologen August Weisman entgegen, der die Existenz einer genübertragbaren Substanz festmachen konnte. Diese Substanz nannte er Keimplasma. Für Galton wurde diese Beobachtung zum Fundament für seine Theorie, dass die Qualität der Nachkommenschaft – und dadurch die Qualität der menschlichen Gattung – allein von den Eigenschaften der Vorfahren abhängt, und in keinem Maße von der Umgebung oder den Lebensbedingungen. In den Augen der Enthusiasten der neuen Sozialkonstruktion wurde er zum beseelten Ideenpropheten, dank dem der Traum von einer vollkommenen Menschenrasse in Erfüllung treten sollte, die frei von jeglichen Gebrechen wäre, das so sichtbar in den Armutsvierteln und in diversen Heimen war. Im Namen des Verstandes appellierte Galton an die Machtinhaber, den Eheschluss von Gebrechlichen zu verbieten. Gewiss – meinte er – würden sie Degenerierte zeugen. In England sollten die Menschen mit gesellschaftlich erwünschten Eigenschaften eine neue Geistesaristokratie bilden. Einen Begabtenclub, dessen Eintritt durch entsprechend ausgewähltes Heiraten gewährleistet wäre. Der Fortschritt beruht auf der Annahme, dass die neue Sozialkonstruktion, die 1883 den Namen „Eugenik” (gr. eugenos – gut geboren) bekam, eine viel breitere Gesellschaft der gut geborenen erfassen sollte als die alte geerbte Aristokratie, die Galton vom Degenerierungsprozess betroffen hielt.

Die Eugenikbewegung in Großbritannien konnte durch ihre Verbreitungsarbeit viele bedeutsame Persönlichkeiten gewinnen. Georg Bernard Shaw – ein hervorragender Schriftsteller – machte 1910 eine Unheil verkündende Voraussage: „Ein Teil der Eugenikpolitik bringt uns schließlich dazu, dass die Gaskammer im ständigen Gebrauch sein wird. Wir werden einen Haufen von Leuten eliminieren müssen – aus dem einfachen Grund, dass die Sorge für diese eine Zeitverschwendung ist”.

Galtons Ideen fielen auf den fruchtbaren Boden der Vereinigten Staaten von Amerika. Die amerikanische Revolution, samt der Sezession der früheren britischen Kolonien und der Unabhängigkeitserklärung, war von Anfang an mit Rassen- und ethnischen Konflikten vergiftet. Thomas Jefferson, einer der Autoren des Schöpfungsmythos von Amerika und Gegner der Sklaverei, hat selber nie seine Sklaven befreit. Nicht nur die Weißen waren deren Eigentümer, auch einige schwarze Bürger des in der Theorie am meisten demokratischen Staates der Welt.

Das neue gelobte Land war Terrain eines scharfen Konfliktes zwischen WASP (White Anglo-Saxon Protestants) – Gründerelite der Vereinigten Staaten von Amerika – und Immigranten diverser ethnischer Herkunft. WASP, die neidisch über ihre privilegierte Stellung in der Gesellschaft wachten, hörten gerne Theorien, die die weiße Rasse, und insbesondere die nordischen Völker, als Crème de la Crème bezeichneten. Das Supremat der nordischen Rasse, die die weißen Protestanten aus England, Schottland, Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen umfasste, galt in diesem Milieu als ein Naturgesetz, welches die Rassenvorurteile erklärte. Das Klima der Befürwortung für die eugenischen Versuche wurde auch durch den protestantischen Arbeits- und Reichtumsethos begünstigt – durch eine Haltung, die sehr wohl ehrenswert ist und die auch die Quelle des Wohlstandes dieser Gesellschaften war.

Als Bewunderungsobjekte galten für die WASP vor allem wohlhabende Menschen, Armut war ein Ausschlussfaktor und bedurfte nicht des Mitleides. Die Forderungen der amerikanischen Eugenikanhänger begünstigte die traditionelle Rigorosität des lokalen Rechts. Ihre Wurzeln sind sogar in den Ansichten eines der Demokratieväter zu finden. Thomas Jefferson willigte ein die Verbrecher auf die Art und Weise zu verstümmeln, wie die späteren Eugenikpioniere die gesellschaftlich Unangepassten (unfit) „behandelten” – „Ein Überfall, ein Raub sollte mit der Kastration bestrafft werden”.

Die amerikanischen Eugeniker hatten dafür gesorgt, dass gewöhnliche Intoleranz in den Hermelinmantel der universitären Wissenschaft gekleidet wurde. Gezahlt wurde mit den Geldern der wohl bekanntesten Philahntropen des Landes: Andrew Carnegie, John D. Rockefeller oder Mary Harriman. Den englischen Eugenikern mangelte es an Schwung und Enthusiasmus, was die Cousins von der anderen Seite des Ozeans auszeichnete. Unterdessen kam es in den USA zu einer kräftigen Bewegung, unter der Führung von Charles Davenport, einem Absolventen der Harvard University und Sohn eines protestantischen Priesters. Inzwischen fing Galton an, an seinem Werk zu zweifeln und hatte nicht vor, der Prometheus der neuen Sozialkonstruktion zu sein. Instinktiv vermutete er, dass obwohl er bloß das Gute wolle, er trotzdem zur Öffnung der Pandoradose beigetragen hat, aus der das durch die Eugeniker vorbereitete Unheil entwich: Isolierung, Sterilisation und Euthanasie.

In der Zeit der englischen Debatte über die Vorteile der Eugenik, wurden die amerikanischen Ärzte auf diesem Gebiet tätig, ohne jegliche Rechtsgrundlagen in Betracht zu nehmen. Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts kastrierte Doktor Pilchem, Leiter eines Behindertenheims in Kansas, 58 minderjährige Insassen. 1899 führte Harry Clay Sharp, ein Arzt des Gefängnisses in Jeffersonville im Staat Indiana, die weltweit erste Samenleiterdurchtrennung bei einem Gefängnisinsassen durch. In den darauf folgenden Jahren führte er dutzende solche OPs – illegal, an Häftlingen – durch und wurde zum weltweit bekannten Experten auf diesem Gebiet.

Der amerikanische Eugenikkreuzzug richtete sich gegen alle, die als gebrechlich oder kriminell klassifiziert wurden. Karol Davenport und die ihm ähnlichen Enthusiasten der Eugenik bereiteten sich sehr sorgfältig auf die Aufgabe vor, Menschen, die für das Allgemeinwohl das Recht auf Fortpflanzung beibehalten sollten und jene, denen aus denselben Gründen dieses Recht entzogen werden sollte, aufzuteilen. Bevor das Eugenic Record Office, das Flaggschiff der amerikanischen Eugenik, entstanden ist, unternahmen die Legislativen einiger Staaten den Versuch, eine Gesetzgebung im Geiste der Sozialkonstruktion zu etablieren. 1907 legalisierte der Staat Indiana die Sterilisierung aus eugenischen Gründen, zwei Jahre später geschah dasselbe in den Staaten Washington, Connecticut und Kalifornien. Diese Prozedur sollte bei Wiederholungstätern, Vergewaltigern und geistig Behinderten (darunter auch bei Kindern) angewandt werden.

Am weitesten in ihrer Besessenheit ging die Legislative des Staates Iowa. Zwangssterilisation sollte die meisten Probleme in diesem Winkel der Welt lösen, sie wurde angewandt – wie Edwin Blacke berichtet, „gegenüber Kriminellen, Idioten, geistig Behinderten, Schwachsinnigen, Alkoholikern, Drogensüchtigen, sich in Arrest oder Anstallt befindenden Epileptikern”.

Das Eugenics Record Office (ERO), welches genealogische Daten der US-Amerikaner sammelte, sollte nach der Konzeption ihres Begründers Karol Davenport zu einem Hauptquartier werden, das über alle nötigen Daten verfügt, anhand derer über die gesellschaftliche Nützlichkeit des Einzelnen entschieden werden konnte. Eine andere nicht weniger wichtige Aufgabe des ERO war der Einsatz für weitere Änderungen in der amerikanischen Gesetzgebung, wofür das ERO auch die in der Politik einflussreichen Persönlichkeiten gewinnen sollte. Die Kategorie der gesellschaftlich unerwünschten US-Amerikaner umfasste mittlerweile schon 11 Millionen Menschen. Das Hauptziel der Eugenikbewegung war eine weiße Gesellschaft der nordischen Völker aufzubauen. Dazu sollten richtige Ehen unterstützt und die Fortpflanzung von jenen, die das unerwünschte Keimplasma tragen, vorgebeugt werden.

Diese Aufgabe hat eine internationale Koordination erfordert. 1912 fand in London der 1. Internationale Kongress der Eugenik statt, welcher eine ganze Reihe von Treffen nach sich zog hat, bis sie durch den 1. Weltkrieg unterbrochen wurden. 1925 ist die IFEO entstanden – Internationale Organisation der Eugenikföderationen. Neben den US-Amerikanern waren die Skandinavier eine sehr aktive Gruppe und haben auch mit den Amerikanern zusammengearbeitet.

Das Jahr 1927 war ein sehr wichtiges für den extremen Flügel der eugenischen Amerika- und Weltbewegung. Das höchste Gericht in den USA fällte am 2. Mai ein Urteil in einem Prezedensfall. An Carrie Buck, einer jungen Frau, hatte Doktor Bell eine Sterilisierungs-OP durchgeführt. Der Richter Oliver Wendell Holmes erkannte, dass es im Sinne der Rechtsprechung des Staates Virginia geschah und gemäß der Logik – drei Generationen von Schwachsinnigen in dieser Familie rechtfertigen die eugenische Therapie Doktor Bells. Im amerikanischen Rechtsystem, welches auf Prezedensfällen basiert, rief das Urteil eine Lawine hervor. Sterilisation aus eugenischen Gründen führten 29 Saaten ein. In den Jahren 1907-1940, wie Edwin Black angibt, wurden in Kalifornien 14.568 Menschen sterilisiert, in Virginia 3.924, in Michigan 2.154, in North Carolina 1.017.

Die aus den USA kommenden Beispiele wurden im nordischen Skandinavien adaptiert. 1929 verabschiedete Dänemark als erstes in Europa ein Gesetz zur Zwangssterilisation, fünf Jahre später geschah dasselbe in Schweden und Norwegen, und 1935 in Finnland. In Polen, das gerade Unabhängigkeit gewann – mit Großpolen, ein Teil von Schlesien und Pommern – zeichneten sich die Enthusiasten der Eugenik von der Idee der Vorherrschaft der nordischen Rasse abgeneigt; sie war ja mit der polnischen Staatsräson nicht zu vereinigen. Der Antisemitismus ist auf anderen Boden gefallen, welcher u. a. in den Ansichten von Karol Stojanowski deutlich war. Die polnischen Eugenikprojekte, die die voreheliche Beratung, die Vorbeugung der ungewollten Fortpflanzung, Sterilisierung oder Kastration betroffen haben, entstanden durch die Inspiration von der deutschen Gesetzgebung.

Wie Edwin Black beobachtet hat – war der Theoretiker der Sozialkonstruktion Alfred Jost, derjenige, der die Samen der deutschen negativen Eugenik säte. 1985 publizierte er eine Broschüre „Das Recht auf den Tod”, wo er die Meinung äußerte, der Staat dürfe seine Bürger töten, um das Leben effizienter zu gestallten.

Die deutschen Eugeniker knöpften sehr schnell Kontakte mit ihren US-amerikanischen Kollegen. Alfred Ploetz, ein utopischer Sozialist und in den USA praktizierender Arzt, pflegte sie auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Erwin Baur, Fritz Lenz und Eugen Fischer führten einen Briefwechsel mit Karol Davenport, und nach dem 1. Weltkrieg unterstützte die Rockefeller Foundation die deutschen Eugenikkreise finanziell. Dieses Milieu war keineswegs einheitlich. Zu den wichtigen Persönlichkeiten dieser Bewegung gehörte außer dem schon erwähnten auch Alfred Grotjahn, Professor der Universität Berlin und Sozialist. Er repräsentierte die Strömung der positiven egalitären Eugenik, die von den rassistischen und antisemitischen Elementen frei war und – seiner Meinung nach – für den Kinderreichtum der Arbeiterfamilien plädieren sollte. Es waren jedoch weder Grotjahn noch Ploetz – der Antisemit war, aber gleichzeitig meinte, die Juden wären der wertvollste biologische Trumpf seines Landes – die die deutsche Eugenik in die Richtung ihrer Bestimmung gelenkt haben. Baur, Lenz und Fischer – die Rassentheoretiker, gaben das Buch „Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene” heraus. Es wurde zur Lieblingslektüre von Adolf Hitler.

In der intellektuellen Atmosphäre Europas und der USA war die Zustimmung für die Sozialkonstruktion, welche die Nation säubern sollte, an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts spürbar. Es war sichtbar in der neuen Ästhetik: in der Malerei, Bildhauerei und in der Filmkunst. Der Kult des Körpers, der Gymnastik und der Hygiene trat in ständiger Begleitung der Überzeugung über die Schönheit der weißen Rasse auf, und im Besonderen ihrer nordischen Ausprägung. Diese Tendenzen wurden begleitet von Berufungen auf Naturrechte und besondere Lebenskraft der nordischen Rasse, die am Abend der Antike das Recht auf die Herrschaft über die Welt und die Mission diese vor den asiatischen Barbarenhorden zu verteidigen von den Händen der Römer übernahmen. Diese Überzeugung ist schon in der vornazistischen, deutschen Historiographie sehr deutlich sichtbar.

„Mein Kampf” entstand nicht in einer intellektuellen Leere. Frappierend groß war die Popularität von Nazismus bei den deutschen Ärzten. Vielleicht hängt das mit schon früher und nicht nur in Deutschland sichtbaren Tendenzen bei dieser elitären Gruppe zusammen – mit dem Rigorismus, mit der Neigung zur Nutzung der Staatsmacht und weniger zur Treue des Hippokratischen Eides und des römischen Rechts, als dem Recht der Wissenschaft. Viele Ärzte stellten sich den altertümlichen Göttern ebenbildlich über die Moral.

Hitler stand an der Spitze eines großen Staates und nachdem er ihn bald wieder zur Weltmacht machte, besaß er eine Absolute macht und konnte tun, wovon Davenport und seine besonders radikalen Kollegen nicht mal träumen konnten. Der Nazikanzler demontierte die Demokratie, indem er einen Polizei- und Armeestaat des Terrors schuf und ihn zuerst gegen die Deutschen richtete. Am 1. Januar 1934 trat das am 14. Juli 1933 verabschiedete eugenisch inspirierte „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” ins Leben.

Magdalena Gawin gibt an, indem sie sich auf Grüneberger beruft, dass im Einklang mit diesem Gesetz bis zum Kriegsanfang 375 Tausend Menschen sterilisiert wurden. Kurz nach der Machtübernahme durch Hitler sind auf dem Gebiet des Dritten Reiches die ersten Konzentrationslager entstanden, die für die Deutschen mit der Bezeichnung Antirasse vorgesehen waren. Auf diesem Wege verfolgte man natürlich die Feinde des Regimes, aber vor allem wurde dort das eugenische Programm des Sozialdarwinismus verwirklicht, dessen Ziel es war – wie es einer von den Nazidoktrinären Joseph Bilig formulierte – den degenerierten Teil der Menschheit zu amputieren. Die Isolierung jener, die keine Kinder zeugen sollten, wurde zur Aufgabe der SS und der Polizei. Das Programm zur Isolierung der Antirasse hat sich nach ein paar Jahren als wenig ehrgeizig und wenig effizient erwiesen. Leonardo Conti, SS-Gruppenführer und führender Arzt des zivilen Gesundheitswesens des Dritten Reiches, gab im August 1939 den Hebammen die Anordnung, Geburten von behinderten Kindern zu melden. Diese Informationen ereichten dann ein Komitee, das über Leben oder Tod des Kindes entscheiden sollte. Bis zum Kriegsende brachten in Krankenhäusern besonders dazu ausgewählte Ärzte ca. 5.000 Kindern um. Einer von solchen Ärzten war Werner Catel, Leiter des pädiatrischen Universitätsklinikum in Leipzig. Er hat sich nicht als Mörder betrachtet, sondern als Auslöschenden des Lebens einer vegetierenden Körpermasse.

Die Nazieugeniker schufen eine Kategorie „Lebensunwert”, unter die diverse Kranke fielen: psychisch Kranke, Tuberkulosekranke, Sehbehinderte, Taube und einige Formen von Invalidität. Ende 1939 startete unter dem Decknamen „T4” – auf persönlichen Befehl Hitlers – eine Euthanasieaktion, der psychisch kranke Erwachsene deutscher Nationalität zu Opfer fielen. Diese Aktion ergänzte die Morde an behinderten Säuglingen. Kranke, die nach der Meinung der Ärzte keine Chance auf Besserung hatten, wurden in spezielle, geheime Zentren auf dem Gebiet des Dritten Reiches gefahren, wo sie getötet wurden.

In Brandenburg tötete man in einer Gaskammer, die ein Bad mit Dusche vortäuschte. Damit die Aktion im Geheimen bleibt, wurden die Leichen einer Kremation unterzogen, die Familien bekamen die Asche und ein Brief mit falscher Todesursache. Bis 7. August 1941 töteten die Nazi höchstwahrscheinlich 70 Tausend Menschen. An diesem Tag befahl Adolf Hitler – überrascht von zahlreichen Protesten aus religiösen Kreisen und der Empörung der Gesellschaft – die Aktion einzustellen. Jedoch auf der Grundlage dessen, was bis Ende des Krieges in der Klinik des Todes in Obrawalde bei Meseritz geschah, wo nach vorsichtiger Schätzung um die 10 Tausend Menschen umgebracht wurden, kann man wohl sagen, dass die Euthanasie fortgeführt wurde.

Entsprechend wenig ist die Tatsache bekannt, dass schon seit 1939 eine Euthanasieaktion in polnischen Krankenhäusern von den deutschen Ärzten durchgeführt wurde. Die Morde an den psychisch Kranken, die im Krankenhaus in Owińska stationär waren, begannen im Fort 7 in Posen schon im Oktober 1939 und wurden danach auf medizinische Institutionen in Kochanówka, Choroszcza, Dziekanka und Kulparkowo ausgebreitet. 1940 wurde die Aktion auf psychiatrische Krankenhäuser in Gostynin und Chełmo Lubelskie ausgebreitet. Die Kranken wurden auf diverse Art und Weisen getötet: durch Hunger, Spritzen, Gas, Autoabgase oder sie wurden erschossen. Darüber schreibt Magdalena Gawin in ihrem Buch unter dem Titel „Rasa i nowoczesność, historia polskiego ruchu eugenicznego” („Rasse und Moderne, die Geschichte der polnischen Eugenikbewegung”).

Der Krieg und vor allem die Aggression gegen das sowjetische Russland haben die Ansichten von Hitler und den Führungsgremien bezüglich der deutschen und europäischen Juden radikalisiert. Als Ouvertüre zur so genannten Endlösung der Judenfrage kann man die Massenmorde im Osten bezeichnen, die durch die Einsatzgruppen durchgeführt wurden. Diese haben zwischen Juni 1941 und Dezember 1942 eine Million Menschen umgebracht. An der Konferenz am 20. Januar 1942 in Wannsee wurde beschlossen, fast die ganze Nation zu ermorden. Das Verbrechen wurden so genau geplant, dass man die gemischten deutsch-jüdischen Ehen, also die Mischlinge, nicht vergaß. Im Lichte des Rechts waren es Beziehungen zwischen deutschen Bürger, jedoch schufen die Rassenzwänge eine neue Menschenkategorie. Mischlinge des ersten Grades wurden in Konzentrationslager gebracht und – auf Befehl von Himmler vom November 1942 – ermordet. 1943 startete eine Sterilisierungsaktion, die gegen die holländischen Bürger jüdischer Abstammung gerichtet war. Proteste der Vertreter von neun christlichen Kirchen in Holland, die in einem Brief an Seyss-Inquart die Nazi beschuldigten die Nation zu vernichten, blieben erfolglos.

Die belgischen Ärzte Yves Ternon und Socrate Helman – Autoren des erschütternden und gut dokumentierten Buches unter dem Titel „Geschichte der SS-Medizin, also Mythos des biologischen Rassismus” – betonten den besonderen Charakter dieses Verbrechens. Der „Völkermord an der jüdischen Nation war nicht der einzige, den die Nazi begangen. Jedoch zusammen mit der Vernichtung der Zigeuner war das der erste geplante, vollstreckte und im größten Grade erfolgreiche Völkermord”.

Das 20. Jahrhundert zeigte, wie zerbrechlich Demokratie und menschliches Gewissen sein können, wie bittere Früchte das menschliche Gehirn gebären kann. Die gegenwärtige Medizin verfügt schon über die nötigen mitteln, um Gott spielen zu können. Die Genetik ist an sich natürlich nichts schlimmes, aber bedenklich ist, wie Jürgen Habermas aufzeigt, „das Verschwimmen der Grenze zwischen der Natur, deren Element wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns verleihen”. Der Streit zwischen traditioneller Ethik und dem Neoliberalismus, der nach Habermas eine moderne Form des Sozialdarwinismus und der Ideologie des freien Handels darstellt, verbirgt gleichzeitig auch die Frage nach den Grenzen der Freiheit und der Macht. Aber wessen? Der heutigen Generationen über die zukünftige?

Adam Ruszczyński

Übersetzung: Agata Maksymczak