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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Typologie der nationalsozialistischen Euthanasieaktionen im Gebiet des besetzten Polens

Die eigentliche Aktion T4 dauerte vom 1. September 1939 bis zum 24. August 1941. In den Forscherkreisen wird unter diesem Kryptonym der erste Massenmord bei einem Volk bezeichnet, der durch den nationalsozialistischen Staat vollstreckt und währenddessen eine „Technologie” der Gruppenmorde entwickelt und angewandt wurde.

Dieses Jahr werden wir angesichts des 70. Jahrestags die ersten Euthanasieaktionen bedenken, die die Nazis im Gebiet des besetzten Polens durchführten. Da zu diesen Fragen keine umfangreichen Untersuchungen unternommen wurden, herrscht in der geringen polnischen Fachliteratur ein nichtbeschreibbares Chaos, was das richtige Verstehen der Typen von Euthanasieaktionen betrifft. Es zeigt sich nämlich, dass einige Forscher und/oder polnische Kreise zur Aktion T4 gleichermaßen die Aktionen in Kościan (Kosten) und die in Kobierzyn bei Kraków (Krakau) zählen. Das ist natürlich ein ernsthafter Fehler, weil die Euthanasieaktion in der psychiatrischen Anstalt Kościan (Kosten) zwar ein Teil der Aktion T4 war, die Aktion in Kobierzyn mit der nationalsozialistischen Euthanasie jedoch nichts zu tun hatte.

Bis jetzt sind in Polen lediglich zwei monografische Arbeiten zum Thema Vernichtung der psychisch und unheilbar Kranken im besetzten Polen erschienen: „Zagłada chorych psychicznie w Polsce 1939-1945” („Die Ermordung der Geisteskranken in Polen 1939-1945”), eine Sammelarbeit unter der Redaktion von Z. Jaroszewski und „Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa” („Die Vernichtung von Geistesgestörten im besetzten Polen. Der Anfang des Völkermordes”) von T. Nasierowski, 2008 erschienen. Beide Arbeiten sind sehr ähnlich, die Arbeit unter der Redaktion von Z. Jaroszewski hat aber einen Vorreitercharakter, das Buch von T. Nasierowski ist dafür ein Beispiel einer gelungenen Kompilationsarbeit. T. Nasierowski beachtet allerdings einige Grundunterschiede zwischen den Mechanismen von den Aktionen, welche die Nationalsozialisten in Pommern, im Wartheland oder im Generalgouvernement durchführten.

Die eigentliche Aktion T4 dauerte vom 1. September bis zum 24. August 1941. In den Forscherkreisen wird unter diesem Kryptonym der erste Massenmord an einem Volk bezeichnet, der durch den nationalsozialistischen Staat vollstreckt und währenddessen eine „Technologie” der Gruppenmorde entwickelt und ausgetestet wurde, welche wiederum in den Sofort-Vernichtungslagern Anwendung fand. Diese Methode beruhte auf der so genannten Vergasung, also auf dem Ermorden der Menschen mit toxischen Gasen in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten (Gaskammern). Zu diesem Zweck wurden zweierlei Gaskammern genutzt: a) stationäre – in den dafür veränderten Räumen und b) transportable – die am Fahrgestell von Lastwagen befestigt wurden (sog. Gasväns). Die stationären Gaskammern imitierten Waschbäder – so konnten die zukünftigen Opfer leicht davon überzeugt werden, in die Gaskammer einzutreten – unter dem Vorwand der Duschzeit. Im Falle der Gaskammerautos wurden keine Imitationen von Badeeinrichtungen angewandt (mit Ausnahme der Gaskammern, die im Vernichtungslager Chełmno, deutsch Kulmhof, an der Nehr im Gebrauch waren). Vielmehr wurden die zukünftigen Opfer unter dem Vorwand eines notwendigen Transports in eine andere psychiatrische Anstalt zum Eintreten ermutigt.

Für die klassischen Euthanasieaktionen sind per Definition zwei Faktoren charakteristisch: a) ein Anwendungszeitraum, der die Zeitspanne zwischen Hitlers Befehlen bezüglich des Beginns und Hitlers Abruf der Aktionen umfasst und b) die Anwendung der Gaskammer.

Einstweilen werden in der polnischen Fachliteratur zum Programm T4 alle Liquidierungsaktionen gezählt, die von den Nationalsozialisten in psychiatrischen Anstalten und Pflegeheimen durchgeführt wurden. Das ist natürlich ein weitgehender Missbrauch und steht im Widerspruch zu den davor von Fachläuten festgelegten Fakten.

In den polnischen Publikationen werden folgende psychiatrische Anstalten in den Gebieten des besetzten Polens, in denen die Euthanasie durchgeführt worden ist, zur Aktion T4 gerechnet: I) Pommern – Świecie, deutsch Schwetz, an der Weichsel (ca. 110 Ermordete), Kocborowo, deutsch Konradstein (2562); II) Wartheland – Owińska, deutsch Treskau, bei Posen (ca. 110), Dziekanka bei Gniezno, deutsch Gnesen (ca. 2100), Kościan, deutsch Kosten (ca. 3300), Kochanówka bei Łódź, deutsch Lodz (690), Warta, deutsch Warthe (581), Gostynin (107), Krankenhaus Nr. 3 im Getto in Łódź (ca. 290); III) Generalgouvernement – Chełm Lubelski (441), Kobierzyn bei Kraków, deutsch Krakau (566), Kulparków bei Lwów, deutsch Lemberg (1179), Lubliniec, deutsch Lubliniz (194), Rybnik (ca. 2000), Drewnica bei Warszawa, deutsch Warschau (unbestimmte Opferzahl), Heiliger-Jahn-Gottes-Krankenhaus in Warszawa (150), Tworki (81), Choroszcz bei Białystok (564), Zofiówka bei Otwock (110), Vilnius (ca. 150-200).

Für typische Euthanasieaktionen im Rahmen der Aktion T4 ist nur ein Teil der Aktionen, die im Wartheland stattfanden, zu halten. Das wären Owińska (Treskau), Dziekanka, Kościan (Kosten), Kochanówka, Warta (Warthe). In diesen Fällen wurde Gas angewandt – sowohl in den stationären wie auch in den transportablen Gaskammern.

In den übrigen Orten – das betrifft Pommern wie auch das Generalgouvernement – kam diese Technik nicht zur Anwendung. Die Patienten wurden dort erschossen oder mit giftigen Substanzen „genadelt”. Schlussendlich fielen all die Liquidierungsaktionen, die in Pommern und im Generalgouvernement durchgeführt worden sind, nicht unter die Kompetenzen der Tiergartenstraße 4 und als solche waren sie auch nicht ein Teil der Aktion T4.

Schon kurios ist die Klassifizierung, die Drewnica bei Warschau, Tworki, Zofiówka etc. als Euthanasieorte betrachtet, obwohl dort keine direkten Verrottungsmethoden angewandt wurden.

Wir wollen selbstverständlich die Tragödie und den Tod von den Patienten aus den von uns ausgeschlossenen psychiatrischen Krankenhäusern nicht verharmlosen. Alles, worauf wir hiermit zielen, ist darauf hinzuweisen, dass die in Pommern und im Generalgouvernement durchgeführten Aktionen nicht in Verbindung mit der Aktion T4 zu bringen sind, wie das bisweilen in den polnischen Arbeiten der Fall ist. Vielmehr können wir hier von Liquidierung in den Krankenhäusern sprechen, ohne die Formulierung „nationalsozialistische Euthanasie” in den Mund zu nehmen – diese ist nämlich für Fälle vorbehalten, wo die Verbindung mit dem Aktionssitz in der Tiergartenstraße 4 in Berlin nachgewiesen wurde und wo die direkte Tötungsmethode die Massenvergasung war.

In diesem Text ließen wir mit Absicht die Aktion in Meseritz (Międzyrzecz) aus, weil sie erstens einen Ort betrifft, der vor dem Krieg dem Kerngebiet des Reiches beigehörte, und zweitens weil sie ein Paradebeispiel für die sog. „wilde Euthanasie” ist, die heimlich, schon nach der Widerrufung der Aktion durch Hitler im September 1941, geführt wurde. Während der eigentlichen Euthanasieaktion fungierte das Krankenhaus in Meseritz-Obrawalde als ein Transferort, ähnlich wie Śrem (Schrimm), Osieczna (Storchnests) und Bojanowo (Schmückert), von diesen aus die Patienten in das Euthanasiezentrum in Kościan (Kosten) transportiert wurden.

Das in diesem Beitrag dargestellte Typologienproblem bezüglich der nationalsozialistischen Euthanasieaktionen in polnischen Gebieten bedarf natürlich zusätzlicher Bearbeitung und breiter Recherche wie auch einer Analyse der zugänglichen Quellen zu diesem Thema.

Artur Hojan, Cameron Munro

Übersetzung: Agata Maksymczak