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„T4” war das Tarnkürzel für das in der StadtviIIa Tiergartenstraße 4 seit 1940 geplante und organisierte Mordprogramm.

Nazieuthanasie im Wartheland

Die gegen die psychisch und unheilbar Kranken gerichteten Vernichtungsaktionen im Wartheland wurden durch die Nazis so gut wie sofort nach der Übernahme der Kranken aus den Händen der polnischen Administration gestartet. Im Besonderen betrifft das die Gauselbstverwaltung Posen.

Außer allen psychiatrischen Anstalten wurden auch Heime in Bojanowo, Śrem (Schrimm) und Osieczna (Storchnest) übernommen. Formal standen diese Aktionen in Verbindung mit dem Programm T41. Für ihre Vorbereitung und Ausführung war unmittelbar der SS-Untersturmführer Herbert Lange verantwortlich. Es steht außer Zweifel, dass die Ermächtigungen der SS-Reichsführer Heinrich Himmler erteilte, obwohl auch die Beteiligung Arthur Greisers, des Gauleiters des Warthelandes, nicht auszuschließen ist. Es gibt Indizien dafür, dass er an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) einen Antrag auf Erteilung entsprechender Ermächtigungen für das SS-Sonderkommando Lange stellte, welches in Großpolen Euthanasieaktionen durchführen sollte.

Die Formation Lange bestand aus einigen SS-Männern und aus ein paar Dutzend Gendarmen. Die erste Euthanasieaktion führte das SS-Sonderkommando Lange im Oktober 1939 auf dem Gelände der psychiatrischen Woiwodschaftsanstalt in Owińska (Treskau) und im Fort VII in Posen durch. So berichtet A. Gradziński, ein ehemaliger Insasse des Forts VII, über eine dieser Aktionen: „Die eiserne Tür wurde geschlossen und Gas aus der Flasche entlassen. Nach acht Minuten wurden die Insassen gerufen. Ich wurde auch zweimal gerufen, um die Leichen herauszutragen und ins Auto zu laden. Beim ersten Mal habe ich ca. 50 Leichen geladen, darunter auch Leichen von achtjährigen Kindern, von Frauen und Greisen. Beim zweiten Mal bin ich mit dem Beladen nicht fertig geworden, weil mich das so sehr mitgenommen hat, dass ich ohnmächtig wurde.”2

Von großer Bedeutung ist, dass im Rahmen dieser Aktion die erste (Test-)Gaskammer, mit dem Ziel einer Massenvergasung, angewandt wurde. Zu diesem Zweck ist einer der Bunker des Forts VII adaptiert worden – in sein Inneres wurde Kohlenmonoxid aus einer an der Tür liegenden Flasche hingeleitet. Das eiserne Tor wurde mit Stahlstäben verriegelt und jegliche Öffnungen und Spalten mit Lehm verdichtet. In die Gaskammer passten ungefähr 50 Personen. Die Leichen der ermordeten Pensionäre musste eine Gruppe der Insassen des Forts VII aus dem Bunker herausholen, eine andere Gruppe begrub sie dann im Wald in der Nähe des Ortes Oborniki.

Auf diese Art und Weise tötete im Fort VII das SS-Sonderkommando Lange um die 300 Kranken. Die restlichen Patienten aus Owińska (Treskau) wurden in der Nähe vom Massengrab vergast. Die hierhergebrachten Kranken wurden in ein großes, dicht verschlossenes Auto geladen, das einem Möbelwagen ähnelte. Ein Rohr führte Kohlenmonoxid aus einer Flasche rein, die an der Außenseite des Autos befestigt war. Zweifelsfrei war dies die erste Ausrottung mit einem Gaskammerwagen. Dieses todbringende Vehikel wurde in der Autowerkstatt der Gestapo in Posen entwickelt und auf dem Fahrgestell eines ganz normalen Lastwagens fertiggestellt.

Die Gasmorde an den Patienten des Krankenhauses in Owińska (Treskau) waren der Anfang der Massenmorde. Es folgten weitere in anderen Krankenhäusern und in Pflegeanstalten, und schließlich auch in Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Nach der Vernichtung von ca. 1.100 Kranken in Owińska (Treskau) ermordete das SS-Sonderkommando Lange Patienten aus den Häusern in Kościan (Kosten), Gniezno (Gnesen), Kochanówka an Łódź (Lodz) und Warta (Warthe). Danach wurde das Kommando vom Führer der SS und der Polizei in Ostpreußen „ausgeliehen“ und tötete die dortigen Kranken (Aktion in Działdowo, deutsch Soldau) und in Jahren 1941-1944 wurde das Kommando zu einer monströsen Vernichtungsaktion genutzt – 250 Tausend Juden wurden im Sofort-Vernichtungslager in Chełmno (Kulmhof) an der Nehr ermordet.

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Das Problem der Nazieuthanasie in Polen wurde immer noch nicht gründlich untersucht. Die polnische Fachliteratur zu diesem Thema umfasst so gut wie nur eine Monografie, die auf Polnisch und auf Deutsch im Verlag PWN 1993 erschienen ist.3 Das ist eine Sammelarbeit mit einem monografischen Charakter, unter der Redaktion von Zdzisław Jaroszewski. Zweifelsfrei nimmt sie eine Schlüsselposition in der polnischen Literatur zur Nazieuthanasie ein. Angesichts ihres Charakters einer Kompilation und des schon sehr entfernten Publikationsdatums stellt sie leider, was zu betonen ist, kein vollständiges Abbild des Wissens über die Vernichtung von psychisch Kranken im besetzten Polen dar. Bedeutsamkeit der Arbeit wird auch durch eindeutige Tendenziösität einiger ihrer Autoren, die die Forschungsergebnisse aus den 70er und 80er Jahren präsentieren, in Frage gestellt.

Die Autoren bemühten sich auch nicht, die zahlreichen Fehler zu verifizieren, die seit Jahren in den Arbeiten über die Nazieuthanasie abgeschrieben werden. Ein typischer Fehler ist z.B. die ständig erscheinende Hypothese (die in diesen Schriften zum Faktum emporwächst), die Begasung von Patienten habe angeblich im Gaskammerwagen während der Fahrt zum Ort des Massenbegräbnisses stattgefunden. Dem widersprechen jedoch viele Zeugenaussagen bezüglich der Vernichtung (z.B. von Henryk Mania)4.

Die Frage nach der Nazieuthanasie auf dem polnischen Gebiet wurde natürlich des Öfteren in kurzen Artikeln, die in unterschiedlichen Mitteilungsblättern und Zeitschriften erschienen sind, angerissen. Die Autoren beschränkten sich meistens auf eine synthetische Aufzeichnung von Fakten und Betonung ihres Märtyrercharakters, was im Kontext der Geschichtsforschung etwas oberflächlich ausfällt. Die Meisten bemühten sich nicht mal, wenigstens eine erste Analyse der Tötungstechniken, des Wesen der Euthanasieidee im Nazistaat durchzuführen oder auch zu überlegen, in welcher Instanz die Befehle der Krankenhausliquidation fielen.

Man kann jedoch den großen Beitrag der Autoren zur Beleuchtung dieser Verbrechen nicht leugnen sowie ihres hohen Niveaus zu Fragen der vernichtenden Tätigkeit der Nazis. Leider sind diese Artikel kaum ins Englische oder Deutsche übersetzt worden und bleiben den westlichen Forschern stets unbekannt. Zweifelsfrei haben dazu auch geopolitische Aspekte beigetragen – so konnte das polnische Märtyrertum nicht vom Märtyrertum der jüdischen oder der deutschen psychisch bzw. unheilbar Kranken überlagert werden. Im Endeffekt ragen solche Zentren der Nazieuthanasie wie Kościan (Kosten), Owińska (Treskau), Gostynin oder Gniezno (Gnesen) fast gar nicht in das Bewusstsein der westlichen Forscher und in die dazugehörende Fachliteratur.

In den letzten Jahren sind einige Publikationen erschienen, die den Versuch, die Probleme der Nazieuthanasie breiter darzustellen, vornehmen. So berichten diese über Vernichtungsaktionen in Kościan (Kosen)5, Gostynin6 und Międzyrzecz (Meserlitz)7, indem sie auch den neusten Wissensstand berücksichtigen.

Außer den Maßnahmen der Kreiskommission für die Erforschung deutscher Verbrechen in Polen8, die die Tatorte in den Euthanasiezentren und die Massengräber besichtigten, bemühte sich später sonst keiner die Orte noch einmal zu erkunden. Eine komplexe Untersuchung aller Euthanasiezentren bewerkstelligten erst die Autoren dieses Beitrags.

Ein ganz anderes Problem in Bezug auf die heutige Sicht der Nazieuthanasie in den polnischen Gebieten ist die Frage des Gedenkens an diese Morde. Sehr wohl gibt es Denkmale, Monumente oder Gedenktafeln in den meisten Psychiatrien und in der Umbebung von Massengräbern. Was fehlt, sind jedoch zusätzliche Informationstafeln, welche die Details der Verbrechen erläutern würden. Wer sich im Thema nicht auskennt, hat keine Chance die meisten Orte der Massengräber zu finden, weil dort die Informationsschilder fehlen.

Letztlich, kann man nicht genug betonen, dass obwohl das besetzte Polen der Ort der ersten Massenvergasungen war, die später in Euthanasiezentren im Kerngebiet des Dritten Reiches weiterentwickelt wurden, in Polen bis heute kein einziges Forschungszentrum oder martyrologisches Museum, das sich umfassend mit dieser Problematik beschäftigen würde,  entstand9. Das ist eine sträfliche Vernachlässigung, angesichts der Bedeutsamkeit dieses Problems. Gründe für diese Lage sind das verbreitete Unwissen in der Gesellschaft (und die dadurch fehlende Deutlichkeit des Problems der Nazieuthanasie) wie auch Vernachlässigungen seitens der Behörden, die bis jetzt die Initiativen zur Errichtung eines solchen Museums, das mit einem kleinem Forschungs- und Ausbildungsinstitut verbunden wäre, immer noch nicht ergriffen haben. Vielleicht ist es ein Effekt des fehlenden Problembewusstseins und hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass diverse Museen an den Orten der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen bereits vorhanden sind.

Es steht heute außer Zweifel, dass die Tötungsversuche mit Gas, die in Euthanasiezentren im besetzten Polen wie im Dritten Reich stattgefunden hatten, eindeutig zur Vollstreckung des Programms zur endgültigen Lösung der Judenfrage in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Chełmno (Kulmhof) an der Nehr, Sobibór (Sobibor), Bełżec (Belzec) und Treblinka beitrugen. Ein Museum, das sich der Vernichtung von psychisch und unheilbar Kranken widmen würde, hätte die Chance sich zum natürlichen Bindeglied zwischen diversen Forschungszentren zu entwickeln und dadurch zur Erkundung vieler Mechanismen der verbrecherischen Tätigkeit der Nazis beizutragen.

Es steht außer jedem Zweifel: Viele Probleme der Nazieuthanasie auf den polnischen Gebieten wurden lediglich angerissen – trotzt der 60 Jahre, die uns von diesen dramatischen Ereignissen bereits trennen – und zweifelsfrei benötigen diese weitere Untersuchungen.

Artur Hojan, Cameron Munro

Übersetzung: Agata Maksymczak

1 Deckname einer Euthanasieaktion, auch E-Aktion genannt.

2 Abschnitt einer Aussage von A. Gradziński, in: Wietrzykowski, Albin: Powrót Athura Greisera. Poznań 1946, S. 9.

3 Zagłada chorych psychicznie w Polsce 1939-1945/Die Ermordung der Geisteskranken in Polen 1939-1945. Sammelarbeit, Red. Zdzisław Jaroszewski. Warszawa 1993.

4 Vide – OKBZH Posen, I DS 24/67, S. 5f.

5 Hojan, Artur: Nazistowska pseudoeutanazja w Krajowym Zakładzie Psychiatrycznym w Kościanie. Kościan 2004.

6 Konarska-Pabiniak, Barbara: Gostynin. Szkice z przeszłości. Gostynin 2004.

7 Dramowicz, Waldemar: Obrzyce – dzieje szpitala. Międzyrzecz 2004.

8 Die niedrigste Organisationseinheit der Untersuchungsabteilung des Instituts für Nationales Gedenken – Kommission zur Strafverfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk –  wurde umbenannt. 1949 wurde die Hauptkommission für die Erforschung deutscher Verbrechen in Polen in Hauptkommission für die Erforschung Nationalsozialistischer Verbrechen in Polen umbenannt.

9 Nur auf dem Gebiet des psychiatrischen Krankenhauses in Obrzyce an Międzyrzecz (Meseritz-Obrawalde), gibt es eine ständige Ausstellung, die der Vernichtung der psychisch Kranken im dortigen Krankenhaus gewidmet wurde. Ihr Informationsgehalt ist als hoch einzuschätzen, ihr Charakter entspricht jedoch dem einer Gedenkstube und nicht dem eines Museums.