Dunkle/Düstere/ Geschichte des Krankenhauses in Obrawalde

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Das Krankenhaus in Obrawalde entstand 1901. Anfangs gab es dort Plätze für 700 Kranke und nachdem ein weiteres Teil dazugebaut wurde – für 1.200. Das Krankenhaus war wie für damalige Zeit sehr modern organisiert. Mehrere Pavillons, die den Gebäuden in einem Villenviertel ähnelten, waren einen breiten Spazierweg entlang situiert.

Von Anfang an waren die Pavillons auf dem Gelände des Krankenhauses für die psychisch Kranken bestimmt. Als der Krieg anfing, konnten sich dort sogar bis 2.000 Patienten befinden. Während des Krieges, in den Jahren 1942-1945 sind dort ein paar Tausend Menschen ermordet worden, vor allem Deutsche, die dort aus dem ganzen Reich gebracht wurden.

Das Verbrechen in Obrawalde wurde bis 1966 durch die Kreiskommission für die Erforschung Nationalsozialistischer Verbrechen in Zielona Góra (Grünberg) untersucht. Das Ergebnis waren zwei Bände mit Quellenanalysen. In den 70er Jahren nahmen sich zwei polnische Forscher: Jerzy und Józef Radzicki, der Aufgabe die verbrecherischen Aktivitäten der Nazi aus den medizinischen Dienst in Obrawalde Krankenhaus zu rekonstruieren. Deren Fragen lauteten: wer waren die direkten Täter, was waren die Motive für solches Handeln, wie wurden die Kranken behandelt und wie wurden diese ermordet. Das Ergebnis ihrer Forschungsarbeit ist eine Veröffentlichung unter dem Titel „Zbrodnie hitlerowskiej służby sanitarnej w Zakładzie dla Obłąkanych w Obrzycach” („Das Verbrechen der Nazi aus den medizinischen Dienst in der Anstalt für Geisteskranke in Obrawalde”), Lubuskie Towarzystwo Naukowe, Zielona Góra 1975.

Die Autoren analysieren die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten und die biologische Rassentheorie aus dem NSDAP-Programm. Ale nächstes beschreiben sie die Methoden und Mitteln zum Massenmord in der Obrawalder Anstalt. Der Ausmaß des Verbrechens wurde in der Anlehnung an das Todesverzeichnis/die Sterbebücher/ aus den Jahren 1942-1945 ermittelt und anhand der vorhandenen Quellen wurde die Haltung der Ärzte, Krankenschwestern und des Verwaltungspersonals, das in die Massenmorde involviert war, besprochen. Außerdem wurden die verbrecherischen Tätigkeit im Lichte des deutschen wie auch des internationalen Rechts dargestellt und die allgemeinmenschlichen/anthropologischen/ Aspekte des Verbrechens in Obrawalde beschrieben, mit/bei/ der Beachtung der moralischen und sozialen/gesellschaftsrelevanten/ Aspekte der Euthanasie. Aus dem von J. und J. Radzicki gesammelten Material ergibt sich ein trauriges und düsteres Bild der Tätigkeit des Krankenhauses für Geisteskranke in Obrawalde während des Krieges.

Die Obrawalder Anstallt war bloß ein Glied der riesigen Maschine, die durch die Führer des Dritten Reiches angetrieben wurde und die dem Töten der psychisch Kranken diente. Die Vernichtung der Bürger „verminderten/minderen/ Wertes” war durchorganisiert und fand planmäßig statt. Das Krankenhauspersonal füllte dafür hervorgesehene Formblätter aus. In den psychiatrischen und Pflegeanstalten wurden die Kandidaten für den „Gnadentod” ausgewählt. Für die Durchführung des Programms wurden gesonderte Institutionen ins Leben gerufen: Staatsarbeitsgemeinde der Heil- und Pflegeanstalten, Gemeinnützige Gesellschaft des Krankentransports mit dem Sitz in Berlin. Die Angestellten der Transportgesellschaft kamen fast alle aus der SS. Außerdem wurde die Gemeinnützige Stiftung für die Sozialhilfe/Soziale Sicherheit/ gegründet, welche die Tötungsaktionen finanzierte. Die Verzeichnisse der zum Tod bestimmten Personen wurden danach vom Fachpersonal begutachtet. Diejenigen, die zum Töten qualifiziert wurden, bekamen ein rotes „+”-Zeichen auf der rechten Seite des Fragebogens, diese, die dem Tod entkamen – ein blaues „–”-Zeichen.

Transporte mit den zur Vernichtung bestimmten Personen kamen meistens nachts an. Obwohl die ganze Aktion von Hitler befürwortet wurde und obwohl sie den Status einer Formalität/Behördentätigkeit/ erhalten hat, hatten die Nazi Angst vor negativen Reaktionen der Öffentlichkeit. Alle Maßnahmen, die mit dieser Aktion in Verbindung standen, wurden sorgfältig vertuschelt. Die ersten Transporte kamen in Obrawalde Anfang des Jahres 1942 an und umfassten zwischen 60 und 200, manchmal auch 300 Personen. Die Kranken wurden in den entleerten Pavillons untergebracht. In kurzer Zeit wurden die Nächsten gemordet. Das Anfangsdatum dieses Prozedere lies sich nicht genau ermitteln, die Augenzeugen geben jedoch den Anfang des Jahres 1942 an. Züge mit den Kranken kamen jede paar Wochen, die meisten schon 1944.

Die Tötung wurde immer auf dieselbe Weise, pharmazeutisch, durchgeführt. Die tödliche Spritze bestand aus zwei Gaben/Dosen/ – einer schwächeren, die einen tiefen Schlaf verursachen sollte und einer stärkeren, welche den Tod herbeiführte. Oftmals hat man auch nur eine tödliche Weronal- oder Luminaldosis gegeben: 5-10 Tabletten oder ein im Wasser gelöstes Pulver. Es wurden auch Spritzen mit Evipan oder Morphium mit Skopolamin angewandt und als es an pharmazeutischen Mitteln mangelte, wurden in die Venen auch Luftblasen eingespritzt, was eine Luftembolie mit tödlichem Ende verursachte. Die Leichen wurden ins schwarze Papier eingewickelt und meistens in Massengräben auf einem Krankenhausfriedhof begraben.

Das Töten fand im Geheimen statt. Die, die dem Tötungsteam nicht angehörten, sollten von nichts wissen und die ganze schändliche Tätigkeit verbargen die Täter auf unterschiedliche Art und Weise. Man hat sich beispielsweise der geheimen Anordnungen bedient und der „nichtärztlichen Schweigepflicht”. Die Transportunternehmen, welche die Menschen in den Vernichtungsort brachten, erhielten einen Decknamen, die Transportentladung fand nachtsüber statt, Außenstehenden war es verboten, das Gelände zu betreten, die Insassen durften sich nicht mit Fremden unterhalten, ihr Briefwechsel wurde kontrolliert, die Getöteten wurden im Geheimen begraben und den Familien sind falsche Informationen über die Todesursache überliefert/übergeben/ worden.

Genaue Opferzahl konnte wegen der inkompletten Dokumentation nicht ermittelt werden. Nur 10% der Gesamtakten des Krankenhauses sind erhalten geblieben und sie werden im Staatsarchiv in Gorzów Wielkopolski (Landsberg) aufbewahrt. Von den wichtigen Dokumenten sind 10 Sterbebücher des Standesamtes Meseritz-Obrawalde für die Jahre 1942-1945, drei Mappen mit der Korrespondenz, welche die nach Obrawalde Transportierten von Verwandten bekamen, 82 Angestelltenakten, 2.837 Patientenakten und 1.603 Krankheitsgeschichten überliefert worden.

Von den erhaltenen Akten haben die Sterbebücher den größten historischen Wert. Sie haben es ermöglich, eine Orientierung im Ausmaß der Verbrechen zu finden, auch wenn sie inkomplett sind. Die Sterbebücher weisen auf eine riesige Sterblichkeit der Patienten des Krankenhauses hin. Die Sterberate erreicht in den Jahren 1942-1945 ein paar Tausend. Laut J. und J. Radzicki bewegte sich die übliche Sterberate in solchen Anstalten zwischen 1% und 4%, was bei der Belegung von 2.000 Betten 20-80 Personen pro Jahr ergeben sollte. Im ersten Halbjahr des 1942 Jahres gab es 158 Todesfälle, einstweilen stieg die Todesrate zwischen Juli und den 7. November gewaltig an und betrug 357 Tote. Die meisten kamen aus Hamburg, Bremen, Berlin und Westfalen. 1942 sind laut J. und J. Radzicki um die 700 Menschen gestorben. In den Sterbebüchern fehlen Angaben über die Zeit vom 5. Mai bis zum 22. Oktober und für die Zeit zwischen 12. und 31. Dezember. J. und J. Radzicki haben die Zahl der Todesfälle in dieser Zeit mit Hilfe der alphabetischen Verzeichnisse dieser Bücher ermittelt. So sind sie auf die Gesamtzahl von 2.240 Toten gekommen. Nachdem 8% (ca. 179 Todesfälle) für den natürlichen Tod subtrahiert wurden, hat man angenommen, dass 2.061 Personen getötet wurden.

Zwischen den getöteten Personen befanden sich außer den Deutschen zwei Kriegsgefangene (ein Pole und ein Franzose) wie auch 11 Arbeiter aus den östlichen Gebieten. Die Tagessterblichkeit erreichte oft mehr als 20 Personen. Als Todesursache wurden am meisten angegeben: Erschöpfung, Lungenentzündung, Herzmuskelschwäche. In den Sterbebüchern für 1944 steigt die tägliche Todeszahl bis Jahresmitte an und fällt danach allmählich. Ende 1944 betrug die Tagessterblichkeit durchschnittlich 6-8 Personen. In dem ganzen Jahr wurden 3.811 Todesfälle festgestellt. Die Zahl der Todesfälle wurde anhand der Stellen 1 bis 3.241 der Sterbebücher für die Zeit vom 1. Januar bis 19. September 1944 ermittelt. Für die Zeit zwischen den 20. September und den 31. Dezember bedienten sich J. und J. Radzicki bloß eines Verzeichnisses, weil ein Sterbebuch für diese Zeitspanne fehlt. Wenn wir von der Gesamtzahl der Belegung 8% für den natürlichen Tod subtrahieren, dann kommen wir auf 3.651 Tötungen im Jahre 1944. In demselben Jahr lässt sich eine große Steigerung der Sterblichkeit von Ausländern beobachten: 43 Polen, 87 Bürger der UdSSR, 2 Franzosen, 1 Italiener, 4 Tschechen, 4 Holländer, 2 Unger, 1 Belgier, 2 Rumäner, 2 Däne und 2 Bürger anderer Staaten. In den vier Kriegsjahren sind um die 7.000 Kranken ums Leben gekommen.

Während des Krieges wurde den Tätern garantiert, dass sie straffrei bleiben, insofern sie sich an die Rechtlinien der nationalsozialistischen Politik halten. Nach dem Krieg wurden sie verurteilt. Der Epilog der Tötungsaktion in Obrawalde fand vor dem Landesgericht in Berlin statt, wo Dr. Hilde Wernicke und die Krankenschwester Helena Wieczorek zur Todesstrafe verurteilt wurden, und vor dem Heertribunal/Armeetribunal/ der 16 Luftwaffe UdSSR, das Amanda Ratajczak und Hermann Guhlke zur Todesstrafe verurteilte. Selbstmord begangen: der Anstaltsleiter Walter Grabowski, der Krankenpfleger Weidemann und die Krankenschwester Berta Koslowski, weil sie es vorgezogen haben, der strafrechtlichen Verantwortung zu entkommen. Es werde/sei/ eine Warnung für die nächsten Generationen, dass ein Völkermord unterschiedliche Gesichter haben kann.

prof. Zbigniew Bujkiewicz

Übersetzung: Agata Maksymczak